Wenn Essen zur Last wird

Und wenn die Seele verletzlich wird

*** triggerwarnung ***

Es war Liebeskummer, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Als sich mein erster Freund nach 1 Jahr von mir getrennt hatte geriet mein Essverhalten aus dem Gleichgewicht. Frustessen war meine Antwort auf mein gebrochenes Herz. Auch der Konsum von Alkohol nahm zu, aber davon soll hier nicht die Rede sein. Ich war jedenfalls todunglücklich.

Auf einmal habe ich so stark zugenommen, dass mir meine Kleidung nicht mehr passte. Das war für mich als ehemalige Geräteturnerin ein Alarmsignal.

Plötzlich habe ich mich sehr mit dem Thema Ernährung beschäftigt. Ich habe damals, mit 16 Jahren, verschiedene Broschüren und Ratgeber gelesen. Das Wissen habe ich aufgesogen. Doch je mehr ich mich damit befasste, desto weniger Lebensmittel blieben zum Verzehr übrig, die gesund sind und nicht dick machten. Auch verschiedene Nahrungsergänzungsmittel, die angeblich den Appetit senken oder ein Sättigungsgefühl auslösen sollten habe ich ausprobiert.

Am Ende war ich so dünn, dass ich in eine Klinik gehen musste. Dort sagte man mir, dass ich am Anfang einer Magersucht stehe. Das traf mich wie der Blitz. Ich fühlte mich gar nicht gesehen. Also beschloss ich weiter abzunehmen und fast nichts zu mehr essen. Im Dezember 1998 wurde ich entlassen, aber ohne Therapieerfolg.

Zuhause aß ich dann kaum noch etwas, obwohl ich mir extra sehr viele fettreduzierte und zuckerfreie Produkte gekauft hatte. Ich trank viel heißen Tee und Gemüsebrühe (ich habe immer gefroren) und kaute Kaugummis um etwas Geschmack im Mund zu haben ohne etwas zu mir nehmen zu müssen. Ich war für Ratschläge von anderen nicht mehr erreichbar.

Der Weg heraus

Der Weg heraus

Meine Mutter befasste sich mit neuer Literatur. So kam es, dass ich dann ihr ausgelesenes Buch „Die Macht des Unterbewusstseins“ von Dr. Joseph Murphy in den Händen hielt. Das Lesen half mir sehr dabei, mein Problem wieder zu akzeptieren und anzuerkennen, welches ich völlig verdrängt hatte… In diesem Buch wurde über die Kraft von Beschlüssen berichtet und davon, was man wirklich will. Eines Abends sprang ich dann vom Lesen auf, stellte mich vor den Spiegel, schaute mir in die Augen und sagte mir: „ICH BIN nicht mehr magersüchtig!“ ICH BIN sind die mächtigsten Worte, die uns prägen können. Es war ein fester Beschluss. Ich wollte gesund sein. Ich wollte nicht, dass sich mein Leben nur um das Essen und das Abnehmen dreht. Dafür gibt es zu viele schöne Dinge auf dieser Welt.

Der erste Schritt war getan, der Allerwichtigste. Doch es gab noch einige Hürden zu nehmen…

Am nächsten Morgen ging ich in die Küche und wollte wieder mit dem Essen beginnen. Ich saß mit meiner Familie am Tisch und holte mir einen fettarmen Joghurt aus dem Kühlschrank. Ich sagte, dass ich Appetit auf Haferflocken hätte. Meine Mutter traute ihren Ohren kaum und holte sie aus dem Schrank. Ich schüttete die Flocken in meinen Joghurt. Meine Familie schaute mich mit großen Augen an. Als ich die ersten Löffel aß, begann meine Mutter fast an zu weinen. Sie war so froh, dass ich wieder etwas zu mir nahm. Ich stellte für mich eine Liste auf, in der ich links die gesunden Lebensmittel aufschrieb und rechts die ungesunden. Links standen z. B. Obst und Gemüse, rechts standen u.a. Schockolade und Kuchen. So begann ich wieder mit dem Essen und aß nur gesunde und vegetarische Sachen. Für mich hat das gut funktioniert.

(Am Rande sei erwähnt, dass das Auflösen der Magersucht zu einer neuen seelischen Beeinträchtigung führte. Ich hatte so lange auf Nahrung verzichtet, dass sich eine Schizophrenie entwickelt hatte. Diese kam erst langsam zum Vorschein, als ich wieder angefangen hatte zu Essen.)

Irgendwann wurde ich ermutigt ein Stück Kuchen zu essen. Kuchen war auf meiner gesunden Liste nicht vorgesehen. So brauchte es viel Zuspruch und Überredungskunst. Dann habe ich den Kuchen ganz langsam gegessen und war von dem Geschmackserlebnis, also dem Zucker, so begeistert, dass ich von da an mehr davon wollte. So begann ich auch die Lebensmittel von der rechten Seite zu essen. Ich nahm rasch zu, was anfänglich auch gut war weil ich so abgemagert war. Doch dann konnte ich kein gesundes Maß finden und die ungesunden Sachen überwogen und die Figur wurde rund und immer rundlicher…

Die Gewichtszunahme war schwer zu ertragen. Also begann mich mit Kuchen oder Pizza vollzustopfen, um mir danach den Finger in den Hals zu stecken. Die Magersucht hatte sich in eine Boulemie gewandelt. Es war eine schwere Zeit. Ich war in meine erste Wohnung gezogen und hatte eine Ausbildung aufgenommen. Wer Boulemie kennt, der weiß auch dass es viel Geld kostet, das viele Essen zu kaufen, was man dann aber wieder hergibt. So war ich immer sehr sehr knapp bei Kasse. Doch die Ausbildung hat mich gestärkt:

Ich hatte einen festen Tagesablauf in der Firma,

ich hatte eine Aufgabe und fühlte mich gebraucht,

ich hatte soziale Kontakte, meine Kollegen und Mitschüler in der Berufsschule

Meine Kollegen sprachen mich auch auf mein Essverhalten an, so dass ich darüber für mich reflektieren konnte und musste. Und so schaffte ich Stück für Stück zurück zu einem (fast) normalen Essverhalten.

Meine Therapeutin sagt mir heutzutage, dass es gut und gesund war, dass der Heilungsweg über die Boulemie ging. So sei dieser Weg nachhaltiger und das Ergebnis stabiler.

Meine Mutter konnte mich eine Zeit lang weder erreichen noch mir helfen. Sie machte sich große Sorgen. Viel später erzählte sie mir, dass sie sich abends vor dem Schlafengehen immer wieder vorgestellt hat, wie es sein würde, wenn ich wieder gesund wäre. Das hatte sie in dem Buch „Die Macht des Unterbewusstseins“ gelesen. Das hatte mich sehr gerührt. Und ich glaube sehr daran, dass es mir geholfen hat wieder gesund zu werden… Wir sind was wir denken. Falls jemand eine/n Betroffene/n kennt und sie/ ihn nicht mit Argumenten überzeugen kann, empfehle ich diese Imaginationsübung.

Warum entwickelte sich eine Essstörung?

Warum entwickelte sie sich?

Zur Magersucht kommt es meist nur bei sehr ehrgeizigen Menschen. Denn man muss sehr willensstark sein, um sich die lebensnotwendige Nahrungszufuhr verweigern zu können.

Ich habe später viel darüber nachgedacht und reflektiert, warum es zur Esstörung kam. Mein Wunsch war es zum einen gesehen zu werden. Zum anderen wollte ich gerne so zart und zerbrechlich sein wie ein Porzellanpüppchen, weil ich mich im Inneren so fühlte. Ich wollte, dass mir endlich alle Lasten und Belastungen abgenommen werden, die unfairerweise auf meine Schultern gelagert wurden. Ich wollte frei und unbeschwert sein. Ich wollte geliebt sein, Geborgenheit, Schutz und Sicherheit. Viel zu früh wurde meine Kindheit teilweise beendet (mit ca. 6 Jahren) und von mir Verhaltensweisen von einem Erwachsenen erwartet. Z.B. als mein Vater meine Mutter vor unseren Kinderaugen verprügelt oder sie im Schlafzimmer vergewaltigt hat. Das hinterlässt Spuren. Diese Wunden wollten versorgt werden. Doch es blieb aus.

Das Abitur, der Liebeskummer und der Nebenjob waren für mich mit meinen 16 Jahren und meinem seelischen Gepäck einfach zu viel. Meine Seele kollabierte und suchte sich eine Möglichkeit um aus dem Hamsterrad des Alltags auszubrechen und wieder verletzbar, klein und hilflos sein zu dürfen wie ein Kind.

Wie sieht es heute aus?

Heute schmeckt das Essen wieder

Heute geht es mir wieder gut. Ich esse normal und habe eine normale Figur. Ich habe gelernt, dass auch Bewegung und Sport ein wichtiger Bestandteil für eine gesunde und gute Figur sind. Allerdings benutze ich den Sport nicht als Kampf gegen meine Pfunde. Mir ist klar geworden, dass mir Sport nur gut tut, wenn ich daran Freude habe und ich mich danach vital und nicht kaputt fühle. Bewegung hilft auch dabei das Stressniveau zu senken und wieder in den grünen Wohlfühlbereich zu kommen. Die Muskelkontraktion ist der effektivste Weg um Stresshormone abzubauen.

Wenn ich heutzutage z. B. mit Kollegen in der Mittagspause essen gehe, spüre ich schon eine Aufregung und Anspannung. Das tritt häufig auf, auch mit anderen Menschen. Manchmal merke ich auch, dass ich nach dem Naschen etwas aus der Balance gerate und dann mehr frisches Obst und Gemüse esse oder mich etwas mehr bewege um es wieder auszugleichen. Das ist im Verhältnis zu dem, was ich durchgemacht habe, aber nur eine kleine Einschränkung. Mein Kopf ist wieder frei! Ich muss nicht mehr ständig über das Essen Nachdenken und gönne mir auch gezuckerteLebensmittel in kleinen Mengen.

Anmerkung:

Eine Esstörung ist eine schlimme und tückische Krankheit. Nicht zuletzt spielen die aktuellen Schönheitsideale hier eine große Rolle. Frauen und Männer auf Werbeplakaten, im Fernsehen, in Zeitschriften und Schaufensterpuppen etc. sehen schlank und hübsch aus. Diese Menschen leiden meist selbst an einer Essstörung, denn das was wir zu sehen bekommen sind Menschen mit einem zu geringen Body Maß Index. Wir verlieren uns in diesen Bildern und denken, dass wir auch so glücklich und erfolgreich wie die Menschen auf den Plakaten wären, wenn wir nur schlank genug sind. Mir war das gar nicht so sehr bewusst, bis ich die Dokumentation „Embrace – Du bist schön“ vor ca 3 Jahren angeschaut habe. Sie hat mir noch einmal die Augen geöffnet und mich mit ganz viel Mitgefühl für mich selbst beschenkt. Wir unterliegen einer gesellschaftlichen Prägung durch die Medien, die uns täglich unbewusst solche Ideale als normal und erstrebenswert verkaufen. Aber das ist es nicht. Ich finde zum Beispiel die Sängerin Adele wunderschön, obwohl sie ein paar Kurven hat.

Esstörungen kommen schleichend. Zunächst möchten sich viele gesund, bewusst oder sogar tierschützend vegan ernähren. Für die meisten bleibt es auch dabei. Für manche aber wird es zu einer Krankheit, bei der man die gesunde Grenze überschreitet. Manche möchten wieder mehr Kontrolle über ihr Leben erhalten, was eventuell in irgendeiner Weise aus den Fugen geraten ist. So lange man am Anfang steht kann man noch gut entgegen lenken. Man weiß noch was man tut. Aber je länger man daran festhält, desto mehr verliert man die Einsicht krank zu sein. Bei mir war das der Fall. Ich würde jedem, der versucht Probleme über das Essverhalten zu lösen dringend raten sich Unterstützung zu suchen, um wieder in den eigenen grünen Wohlfühlbereich zurück zu finden. Es wird oft sehr schwierig die Esstörung zu heilen, wenn sie sehr fortgeschritten ist. Das ist mir ein ganz wichtiges Anliegen. Bei anderen Süchten muss auf das Suchtmittel verzichtet werden (Drogen, Alkohol). Das ist mit dem Essen nicht möglich. Deshalb finde ich die Magersucht oder Boulemie wirklich sehr herausfordernd. Ich empfehle Betroffenen Gespräche mit dem Hausarzt, guten Freunden, vielleicht auch der telefonischen Seelsorge, dem sozialpsychiatrischen Dienst oder mit Familienangehörigen wie Großeltern, Tanten und Onkel oder Cousinen. Es lohnt sich.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit by Theia Moon

Heute schon an Morgen denken. Das ist auch bei psychischen Erkrankungen wie z. B. Schizophrenie sehr wichtig. Wenn ich heute gut für mich sorge, wie beispielsweise regelmäßig ausreichender Schlaf (ca 8 Stunden), dann bin ich ausgeglichener, entspannter, erfolgreicher im Job, weil ich mich besser konzentrieren kann und liebevoller im Umgang mit meinem Kind, weil ich geduldiger bin.

Auch ein gutes Stressmanagement ist hilfreich: Stressquellen möglichst entfernen und Dinge tun, die einem Freude bereiten.

Stressquellen können Rauchen, große Menschenmengen, zu viel Kaffee, zu wenig Geld, Alkohol, zu viel Zucker, Reizüberflutung, Menschen die einem nicht gut tun Bewegungsmangel oder zu hoher Druck im Job sein.

Ich konzentriere mich mit meiner Therapeutin immer wieder auf die Bewältigungssäulen, die die Widerstandskraft/ Resilienz im Alltag erhöhen können. Denn ich habe gelernt, dass es wichtig ist seine Bewältigungsmechanismen zu kennen, damit man in schwierigen Situationen bewusst auf sie zugreifen kann. Über diese Mechanismen kann man seine Gefühle, seine Gedanken, ja sein ganzes Nervensystem regulieren, wenn man im roten Bereich ist.

Es ging mir einige Zeit gar nicht gut. Jetzt komme ich langsam wieder in den grünen Bereich, weil die Medikamenterhöhung wirkt. Morgens kam ich wirklich schwer aus dem Bett. Es war jeden Tag ein Kampf. Die Freude fehlte und der Ausblick auf den anstrengenden Alltag war weniger aufmunternd. Ich fühlte mich sehr niedergeschlagen, antriebs- und kraftlos. Ich schwankte zwischen dem negativen Gefühl von „gestresst sein“ und dem positiven Gefühl von „gebraucht werden“. Ich fühle mich dick und unansehnlich, denn durch die Medikamente steigt der Appetit und damit auch das Gewicht. Doch ich habe einige Tools, die mir durch solch eine Zeit helfen, den Rücken stärken und mich auf dem Weg zurück in den grünen Bereich begleiten. Gegen den erhöhten Appetit hilft zum Beispiel Mariendistel sehr gut und sie stärkt auch die Leber (Apotheke oder wo es sonst Nahrungsergänzungsmittel gibt).

NACHHALTIGKEIT 🌱  🔜  🌳
DURCH DIE BEWÄLTIGUNGSSÄULEN 🏛 DER SELBSTFÜRSORGE

Bewältigungssäulen by Theia Moon

ERNÄHRUNG: Ausreichend Trinken, am besten Wasser, Saftschorle oder Tee. Das ist besonders wichtig, wenn Medikamente eingenommen werden. Frisches Obst und Gemüse essen schenkt wertvolle Energie und versorgen den Körper mit Mineralstoffen und Vitaminen. Z. B. Bananen haben viel Kalium und B-Vitamine und sättigen gut. Möhren sind gesund und auch gut für die Zähne. Heutzutage gibt es viele Smoothies etc, so dass unser Gebiss weniger feste Lebensmittel kauen kann. An apple a day keeps the doctor away, Äpfel gibt es bei uns fast immer.

INNERES GLEICHGEWICHT: Morgens gönne ich mir 10 Minuten Yoga um meinen Geist und Körper langsam und behutsam aufzuwecken. Seit ich vor ca. 2 Jahren starke Rückenschmerzen bekam, habe ich damit begonnen und war schnell und anhaltend wieder fit. Yoga ist aber viel mehr: der Fokus richtet sich hier auch auf die Atmung, man bekommt mehr Sauerstoff und nimmt den eigenen Atemrhythmus wieder wahr. Bewegung und Atmung sind fest miteinander verbunden und gelangen wieder in Einklang. Yoga unterstützt auch dabei Selbstdisziplin zu finden. Der Sonnengruß ist eine feste Abfolge von Asanas (Positionen), die im Flow hintereinander durchlaufen werden. Diese Struktur wirkt sich positiv auch auf andere Lebensbereiche aus. Wir erkennen andere Abläufe im Alltag sowie deren Notwendigkeit an, z. B. unsere Morgenroutinen. Letztlich fördert Yoga die Achtsamkeit, das Körpergefühl und das Selbstbewusstsein. Haltungsblockaden können sich lösen, der Körper wird wieder bewusst wahrgenommen, die tiefliegenden Muskeln werden trainiert und die Faszien gelockert. Ein aufgerichteter Körper führt zu einem aufgerichteten Geist und somit zu mehr Selbstvertrauen. Auch geführte Meditationen helfen dabei innerlich ruhig zu werden und zu entspannen. Sie enthalten positive Affirmationen/ Sätze, die den Geist stärken und in unserem Unterbewusstsein schlechte Glaubenssätze durch gute Gedanken ersetzen. Auch sanfte harmonische Klänge oder die Lieblingstanzmusik helfen dabei sich zu stabilisieren und auszubalanzieren. Die Natur kann uns ebenso Ausgleich ermöglichen. Am liebsten bin ich an Flüssen oder Seen. Ich mag das Plätschern des Wassers, die Enten und Schwäne und auch die Boote. Im Wald sind die Bäume miteinander vernetzt und steuern darüber ihr gemeinsames Immunsystem. Das wurde nun auch wissenschaftlich bewiesen. Gehen wir Menschen in den Wald, dann können wir uns mit diesem Immunsystem verbinden. Deshalb fühlen wir uns in der Natur meistens sehr wohl.

UMFELD: Ich finde es immer wieder schön, gebraucht zu werden. Das steigert das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit. Wenn ich etwas geben kann, bin ich zufriedener mit mir und fühle mich mit meinem Umfeld verbunden. Auch einen Rahmen für den Tagesablauf zu haben empfinde ich als hilfreich. Die Struktur gibt Sicherheit, Verlässlichkeit und Vorhersagbarkeit. Ich weiß, dass an alles gedacht ist, was wichtig für mich ist. Wissen ist für mich auch eine bedeutende Bewältigungssäule. Wenn ich mehr über Trauma, Schizophrenie oder toxische Menschen lerne, desto mehr nimmt es den Schrecken davor. Das Lernen ist für mich ein Bestandteil auf meinem Heilungsweg. Auch andere Menschen können uns gut tun. Sie helfen uns dabei, dass wir unsere Gefühle und Gedanken aus der Vergangenheit besser regulieren können. Einfach gesagt: ein gutes Gespräch mit einem Freund/ einer Freundin kann uns sehr gut tun und einen neuen Blick auf die Dinge schenken. Und auch eine Umarmung ist natürlich sehr wohltuend.

Die Bewältigungssäulen, die v.a. Betroffenen dabei helfen können wieder in einen grünen Bereich zu kommen, brauchen etwas Zeit um zu wirken. Es ist ein (Lern-) Prozess und es lohnt sich diesem Prozess eine Chance zu geben.

Ruhe und Gelassenheit

Es ist gerade sehr laut „im Außen“. Der Job verlangt momentan viel ab. Zudem versuche ich mich über die Bundestagswahl zu informieren. Während ich dem Triell im Außen lausche, versuche ich innerlich ruhig zu werden. So ist diese Skizze entstanden… 🙂

Wie findet Ihr zur Ruhe?

Vertrauen Sie Ihrer Intuition

(*** Triggerwahrnung! ***)

„Vertrauen Sie Ihrer Intuition.“ Diesen Satz habe ich in dieser Woche wieder einmal gesagt bekommen. Jedoch ist es leichter gesagt als getan.

Für Betroffene ist dieser Satz manchmal wie ein Schlag ins Gesicht, auch wenn es keinesfalls so gemeint ist.

Betroffene Menschen, die eine akute Phase erlebt haben, haben eine beängstigende Zeit voller Unsicherheit erlebt, die kaum ein Außenstehender nachempfinden kann.

Als ich damals in der Klinik gewesen bin, habe ich Dinge gesehen, gerochen und gefühlt, die nicht real waren (Wahnvorstellungen). Ich konnte für eine bestimmte Zeit meinen eigenen Sinnen nicht trauen. Dies hat eine solch erschütternde Auswirkung auf das Selbstvertrauen und das gesamte weitere Leben wie man es sich kaum vorstellen kann…

Beispiele:
Ich bin Spazieren gegangen. Es lag ein großer Zweig auf dem Weg. Ich hatte große Angst daran vorbei zu laufen. Dieser Zweig hatte aus meiner Sicht eine versteckte Bedeutung, die ich unbedingt entschlüsseln musste als ginge es um Leben und Tod. Es gab aus meiner Sicht einen wichtigen Grund warum dieser Zweig gerade jetzt dort lag. Ich starrte ihn wie hypnotisiert an und bewegte mich keinen Schritt weiter. Zwischen dem Zweig und mir lag eine unüberwindbare Spannung. Wie zur Salzsäule erstarrt stand ich da. Nur durch die Hilfe eines anderen Patienten, der mich beruhigte indem er nachfragte und erklärte, dass dies einfach nur ein Zweig sei den der Wind vom Baum geweht hatte, konnte ich weitergehen.

Ein anderes Erlebnis hatte ich mit einem Vogel, der öfter vor dem Fenster auf einer Laterne saß. Es sah für mich so aus als hätte er eine Antenne auf dem Kopf. Ich dachte, dass der Vogel mich verfolgen und Videoaufnahmen von mir machen würde. Das war schon beängstigend.

Reinigungsschwamm mit Spülmittel

Ganz unheimlich fand ich es als in der Patientenecke TV gesehen wurde und eine Fernsehwerbung für Spülmittel lief. Auf einen Schwamm, der wie eine Scheibe Weißbrot aussah, ließ man das blaue Spülmittel fließen so dass es wie ein Aufstrich aussah.

Am nächsten Morgen beim Frühstück bekam ich Angst vergiftet zu werden als es Weißbrot mit Marmelade gab. Ich nahm an, dass die Medikamente meine Sinne verfälschten und mir vorgaukelten, dass ich Brot mit Marmelade esse, obwohl es in Wirklichkeit ein Schwamm mit Spülmittel war. (Ein wenig wie in dem Film Matrix.)

Ich dachte, dass wir Patienten vom Klinikpersonal getäuscht und vergiftet würden. (Im zweiten Weltkrieg sind ja einige Menschen mit Behinderungen umgebracht worden.) Das war sehr gruselig, weil ich mich nicht mehr traute etwas zu essen. Gleichzeitig hatte man keine vertraute Person um sich, die man hätte fragen können und der man auch hätte glauben können, wenn sie sagt, dass es sich tatsächlich um Brot und Marmelade handelte. Das medizinische Personal oder andere Patienten können diese Rückversicherung in einem bestimmten Stadium der Erkrankung nicht vollumfassend geben. (Ich habe den Schwamm mit Spüli einmal „nachgebaut“, siehe Foto.)

Ich begreife es als großes Glück, dass es heutzutage Medikament gibt, die diesen akut-psychotischen Zustand (in den meisten Fällen) beenden können. Mir haben sie geholfen wieder zurück in ein (fast) normales Leben zu finden.
Auch heute nehme ich Medikamente, v.a. in der anspruchsvollen Corona-Zeit.

Diese erwähnten Sinneserfahrungen hinterlassen jedoch ihre Narben.
– Narben, die heilen wollen.
– Narben, die sehr weh tun können.
– Narben, die das Selbstvertrauen beeinflussen.
– Narben, die behandelt werden können.

Ich bin froh, dass ich eine sehr gute Neurologin habe. Sie sagt, dass jeder einzelne Tag, den man nach einer akuten Phase erlebt ein guter Tag ist. Ein Tag, der Schritt für Schritt in ein normales Leben zurück führt und die Narben heilt. Bei mir ist es jetzt mehr als 15 Jahre her. Ich konnte bereits eine gute Resilienz (Wiederstandskraft) aufbauen, die jeden Tag ein klein wenig besser wird.

Ich habe bewusst von eher leichteren Beispielen berichtet. Menschen, die betroffen sind haben sicher (genauso wie ich) auch unangenehmere Erfahrungen gemacht.

Seid milde mit Euch und begegnet Euch mit Wohlwollen, wenn an Eure Intuition oder Euer Selbstvertrauen appelliert wird. Es ist herausfordernd.
Und doch gibt es ein kleines Pflänzchen „Selbstvertrauen“ im Inneren, dass Stück für Stück, Tag für Tag größer wird. Es steckt in uns ein tief verwurzeltes Urvertrauen. Es ist unserer unversehrter Selbstwert, welcher nie verletzt wurde. Wir dürfen uns an diesen Teil erinnern. Wir dürfen ihn pflegen, versorgen und wachsen lassen. Dieser Teil ist nie berührt worden. Er ist immer da. Er ist unser Lebensfunke. Tief in uns. Geschützt und behütet. Durch diesen versteckten Teil sind wir immer noch hier.

Podcast Empfehlung:

Wer gerne mehr über den unversehrten Selbstwert erfahren möchte, dem empfehle ich die Podcastfolge von Verena König: „Erkenne die Kraft Deines Selbstwertgefühls // Podcast #52“ –>https://www.youtube.com/watch?v=unpWdn3jGKE
Verena König klärt in ihren Beiträgen über die Entstehung und die Auswirkungen von Traumata auf und stellt verschiedene Lösungsstrategien vor.
Ein Reinhören lohnt sich.

Eine kleine Geschichte: Das Eichenblatt auf Abwegen

Es war Frühling und die Tage wurden langsam wieder wärmer. Die Sonne schien auf die große starke Eiche. Während sie ihre Wurzeln fest in der Erde verankert hatte, streckte sie ihre kraftvollen Äste in den Himmel. Die ersten Knospen begannen zu sprießen. Es dauerte nicht lange bis die Eiche in ihrem frischen, grünen Blätterkleid erstrahlte.

Eine Eiche by Theia Moon

Es war ein kleiner, zarter Ast, der einen wild brausenden Windstoß abbekam. Er rüttelte so sehr an dem Ast, dass sich ein zartes Blättlein davon löste. Es war etwas dünner als die anderen und konnte sich dieser Kraft nicht erwehren. Der Wind blies das Blättlein hoch und höher hinaus, dass es flog wie ein Vögelein.

So schön das Schweben auch war, so wusste das Blättlein doch das etwas nicht stimmte. Es war noch viel zu früh gewesen um von Mutter Eiche und seinen Blattgeschwistern getrennt zu werden. Das Blättlein war noch viel zu klein und verletzlich. Es hatte noch keine Zeit gehabt sich zu entwickeln und heranzureifen. Es hatte auch noch nicht seine ihm zugedachte Aufgabe und Bestimmung erfüllen können: Luft aufnehmen und mit dem grünen Farbstoff der Blätter im Tageslicht aus Luft und Wasser die Nahrung für den Baum zu bereiten.

Es war viel zu früh. Es war viel zu viel Wind. Es gab zu wenig Sicherheit.
Hatten die Sonne und der Mond nicht eine Geschichte geflüstert von einem bunten Farbenkleid der Bäume im warmen Herbst? Erzählten sie nicht davon, dass die Eichen ihre braunen Blätter sogar noch bis in das Frühjahr hinein tragen würden?

Doch nun schwebte das gelöste Blättlein einsam durch die Luft. Es gab keinen Halten mehr. Das Eichenblatt war nicht mehr über die Wurzeln mit dem versorgenden Erdreich verbunden. Es fühlte sich schrecklich allein und hilflos. Seinen vorgezeichneten Weg konnte das Eichenblatt nun nicht mehr gehen. Es war getrennt von seinen Brüdern und Schwestern. „Das ist nicht richtig. Das ist ein Fehler der Natur.“, dachte das Blättchen.
Was sollte es jetzt tun? Es war unendlich traurig und wütend und verärgert. Was hatte das Eichenblatt nur falsch gemacht?

Der Wind wirbelte es weiter durch die Luft. Es war losgelöst und hatte jeglichen Kontakt mit dem Erdboden verloren. Was hatte es also falsch gemacht? Warum war es ausgerechnet ihm passiert? War es nicht gut genug? Hatte es sich nicht genug festgehalten? Wurde es von Mutter Eiche nicht genug geliebt und versorgt?
Das Blättchen wusste keine Antworten auf diese vielen Fragen. Jetzt liefen ihm die Tränen und es schluchzte bitterlich. So bekümmert war es.

Was sollte es nun machen, so einsam und verlassen es war? Würde es jemals einen neuen Sinn und eine neue Aufgabe finden? Das Blättchen wusste es nicht.
Nach einiger Zeit gab es sich dem Wind voll und ganz hin. Es ließ sich davon treiben. Auf eine Rückkehr zu Mutter Eiche und seine Geschwister hoffte es nicht mehr.

Nachdem sich einige dunkle Wolken am Himmel verzogen hatten, schien sanftes Sonnenlicht herab. Die Wärme der Sonne trockneten die Tränen des Blättchens und es spürte einen leichten Hauch von Geborgenheit. Und wie es tröstend im sonnigen Winde hin- und her gewogen wurde, veränderte sich seine Farbe von dunklem grün in ein helles und leuchtendes gelbgrün. Auch leichte herbstliche Rottöne wurden sichtbar.

Allmählich sank das Eichenblatt immer tiefer und schwebte nun ganz nah über dem Boden, bis es zum ersten Mal in seinem Leben die Erde auf seiner Haut spürte.
Ganz fest schmiegt es sich an seinen Untergrund und freut sich nach seiner langen Reise endlich gelandet zu sein. Hier unten ruht es selig und fällt in einen tiefen Schlaf während die Sterne am Himmel funkelten. „Gute Nacht lieber Mond“ denkt es, als es zu träumen begann.

Es träumte von seinen Brüdern und Schwestern und wie es hoch oben in der Baumkrone mit ihnen im Wind wiegte und tanzte. Es erzählte ihnen von seiner luftigen Reise. Das Blättchen schaute auch zu Mutter Eiche, welche ihr liebevoll und wohlwissend zuzwinkerte.
So verbrachte es die ganze Nacht, bis es am nächsten Tag erwachte.
Ein Geräusch! So schön und fröhlich. Was mag das nur sein? Auf einer Lichtung lachen zwei Kinderlein. Sie tragen jeweils ein Körbchen mit den Geschenken des Waldes: Tannenzapfen, Moosstücke, Steine und viele Blätter.

Ein Junge kommt ganz nah heran und betrachtet andächtig das kleine nun buntgefärbte Blättlein. Er nimmt es am Stiel auf und dreht es zwischen seinen Fingern hin und her. Der Junge sieht so glücklich aus, als er es anschaut. Vorsichtig, wie einen kostbaren Schatz, legte er das Geschenk von Mutter Eiche in seinen Korb.
Die Kinder spazieren noch eine Weile und sammeln noch viele Eichenblätter, die auf der Erde liegen. Zuhause werden die vielen Präsente des Waldes auf dem Tisch ausgebreitet. Die Kindern bewundern ihre schönen Naturschätze. Einige Zeit später kleben die Kinder Baumrinde auf ein Blatt Papier. Als nächstes kleben sie kleine Zweige drum herum. Zum Schluss suchen sie die schönsten Blätter aus und kleben sie um die Zweige herum.

Das Eichenblatt staunt und freut sich sehr. Es ist zu einem Baum zurück gekehrt, zwar etwas anders als zuvor, aber dafür ganz besonders. Es ist nicht mehr allein und es schwebt auch nicht mehr haltlos durch die Luft.
Das Blatt hat sich gewendet.
Das Blättlein hat eine neue Aufgabe und ein neues Zuhause gefunden.
Und das freudige Lachen der Kinder kann es zudem jetzt auch jeden Tag hören.