Neujahr

Es ist Winter. Wie ein Dejavu gehen die Inzidenzen nach oben und C* hält eine neue Überraschung für uns bereit. Es zerrt und reißt an meinem Nervenkostüm. Eine kleine Auszeit mit dem Schreiben und ein Auftanken der Kräfte waren notwendig.

An Weihnachten und Silvester habe ich viele Glückmomente sammeln dürfen und möchte nun das neue Jahr begrüßen.

Ein Neubeginn

Der 365. Tag hat das Jahr 2021 gestern vollendet. Der Kreis hat sich geschlossen, um sogleich einen neuen Kreis für uns zu öffnen. Tag 1 in 2022 ist der erste Schritt in ein neues Haus mit 365 Räumen. Diese 365 Räume bieten uns viele: 

  • Neue Möglichkeiten
  • Neue Herausforderungen
  • Neue Abenteuer
  • Neue Wegbegleiter
  • Neue Glückmomente
  • Neue Erfolge
  • Neue Prüfungen
  • Neue Entdeckungen
  • Neue Geschenke und vieles mehr.

Und wir können dankbar für viele liebe Menschen sein, die uns schon lange umgeben. Wir können viele Privilegien schätzen, die für uns selbstverständlich sind und Menschen in ärmeren Ländern fehlen. Wir können manch Altes, Trauriges und Schmerzhaftes hinter uns lassen, um Raum für Freude und Kreativität zu schaffen. Liebes Jahr 2022, ich komme um zu bleiben… 

Ich wünsche mir für 2022 ein freundliches Miteinander mit meinen Freunden, meiner Familie, meinen Kollegen, meinen Nachbarn, mit Menschen die mich unterstützen und mit mir selbst.
Ich wünsche mir Empathie und Mitgefühl genauso wie einen verständnisvollen und respektvollen Meinungsaustausch. 

Ich wünsche mir, dass wir erkennen, dass wir ängstliche und verletzbare Wesen sind und dies uns als Menschen verbindet. Wir sehnen uns nach der vertrauten Normalität, nach sozialen Kontakten, nach einer herzlichen Umarmung und danach, dass uns jemand sagt: „Alles wird gut.“ 
Wir haben viele Entbehrungen hinnehmen müssen (z. B. Lockdown, Flut), wir haben gelitten (z. B. Einsamkeit und Verluste) und Großes geleistet (z. B. Homeoffice und Homeschooling) um gemeinsam das vergangene Jahr zu meistern… 

Liebes Jahr 2022 ich begrüße Dich mit offenen Armen und wünsche mir für unsere Gesellschaft, dass wir wieder mehr Sicherheit, Planbarkeit und Zusammenhalt erfahren dürfen. Möge es eine neue gemeinsame und lösungsorientierte Haltung geben, die uns verbindet. Wir sind alles Menschen… Der Fall der Mauer hat uns Menschen damals wiedervereinigt und die Grenzen aufgehoben…

Liebes Jahr 2022 ich schenke Dir das Vertrauen, dass auf gesundheitlicher Ebene eine Kehrtwende herbeigeführt werden kann und wir zusammenhalten werden.
Ich plane jeden der 365 Tage ein wenig besser und freundlicher zu werden – bis die nächste Silvesternacht das Tor wiederum zu neuen Räumen öffnen wird…

Ich wünsche allen ein glückliches und erfülltes neues Jahr 2022! 
Alles Gute, Theia

Die Bogenschützin

F. Lepcke: Bogenspannerin

Stell‘ Dich hinter mich!

Ich beschütze Dich!

Der Blick klar nach vorn gerichtet.

Fokus ist dem Pfeil verpflichtet.

Das Auge wachsam auf der Hut,

Verspricht Dir Sicherheit und Mut.

Der Bogen gespannt, jederzeit,

Zum Wohle, Schutze, Leichtigkeit.

Ich versorge Deine Wunden,

Egal wie tief – sie gesunden.

Lass‘ Dich fallen, hab‘ Vertrauen.

Ich werde neue Brücken bauen.

Brücken überwinden Flüsse.

Sonne folgt auf Regengüsse.

Kommt eine Gefahr Dir zu nah,

Sei gewiss, für Dich bin ich da.

Stell‘ Dich hinter mich!

Ich beschütze Dich!

Die Bogenspannerin (Foto) hat mich sehr fasziniert. Sie hat mich zu diesem Gedicht inspiriert. (copyright by Theia Moon).

Das Gedicht kann aus verschiedenen Blickwinkeln gelesen werden:

– Die Eltern für ihre Kinder

– Der „innere souveräne Anteil“ für das „innere Kind“

– Für Freund:innen

– Für Jemanden, den man beschützen möchte

– Für Paare

– etc

Was schafft Vertrauen?

Vertrauen. Es gibt Menschen, die Dir helfen.

Ich habe schon drei Therapien durchlaufen. Heute möchte ich über die vierte Therapie schreiben, weil sie gerade aktuell ist und weil sie sich von den anderen im positiven Sinne unterscheidet.

Eine Grundvoraussetzung für eine gelungene Therapie ist das Vertrauen. Nur wenn ich der Psychologin (in meinem Fall) vertraue, kann ich mich öffnen. Vor allem bei Menschen mit einer Schizophrenie im Rucksack liegt eine große Verletzbarkeit (Vulnerabilität) vor. Damit geht ein hohes Maß an Angst, Unsicherheit und Misstrauen einher. Denn man hat in der akuten Phase Dinge wahrgenommen, die andere Menschen nicht wahrnehmen. In meiner aktuellen Therapie habe ich viele gute Erfahrungen machen dürfen, die es mir erleichtert haben, mich auf die Psychologin einzulassen. Davon möchte ich heute erzählen.

1. Atemübung. Anfänglich war ich sehr unsicher. Ich scannte jedes Mal unbewusst den Therapieraum auf mögliche Gefahren ab. Das hat nach ca. 6 Monaten nachgelassen. Nachdem ich Platz genommen hatte, führten wir jede Woche eine Atemübung über wenige Minuten durch. Die Psychologin leitete die Atemübung immer wieder mit neuen Worten an. Mein Kopf war jeweils neu herausgefordert, so dass meine Gedanken nicht abschweifen konnten. Diese feste Anfangsroutine zeigte mir Verlässlichkeit. Es hat mir sehr geholfen in dem Raum anzukommen, meinen Körper mit frischem Sauerstoff zu versorgen und mich selbst besser zu spüren. Ein großer Benefit aus meiner Sicht.

2. Anamnesefragebogen. Was mir aber in ganz besonderem Maße immer wieder das Herz geöffnet und den Fokus zurück in das Gespräch geholt hat war das Zitieren von Inhalten aus meinem Anamnesefragebogen oder aus einem Bericht zum Clearingverfahren. Dadurch fühlte ich mich von der Psychologin sehr gesehen, verstanden und abgeholt. Sie machte sich die Mühe und las (mehrmals), was ich einmal aufgeschrieben hatte. Ich begegnete mir demnach selbst. Das war sehr heilsam, vor allem wenn ich mich sehr „verloren“ fühlte. Beispielsweise sagte die Psychologin Sätze wie: „Dadurch dass Ihr Vater narzistisch war, haben Sie auch Beziehungen zu Männern geführt, die narzistische Strukturen aufweisen, denn es kommt Ihnen bekannt vor.“ Auch der Satzanfang: „Vor dem Hintergrund Ihrer Lebensgeschichte… ist es verständlich, dass Sie Angst haben. …ist verständlich, dass Ihnen das schwerfällt. …ist es eine große Leistung, was Sie alles geschafft haben.“

3. Psychoedukation am Flipchart. Psychoedukation finde ich in einer Therapie sehr wichtig. Mir wurde immer wieder Wissen vermittelt (z. B. die Funktionsweise der Amygdala unter Stress) und Zusammenhänge erklärt (z. B. zwischen Gedanken und Verhalten, über Gefühle, über die Krankheit). So konnte ich mich selbst besser kennenlernen, mich verstehen und annehmen wie ich bin. Dadurch nahmen dann Selbstverurteilungen sowie Scham- und Schuldgefühle ab… Oft wurden wichtige Punkte auf dem Flipchart notiert, um es besser zu veranschaulichen. Das hat mir geholfen den Ausführungen der Psychologin leichter folgen zu können. In den darauffolgenden Stunden wurde jedes Mal das große Flipchartpapier wieder aufgeschlagen. Ich konnte mich schnell wiederfinden und sehen, woran wir gearbeitetet hatten. Es holte mich schnell wieder ab und ich konnte den Fokus besser halten. Es löste ein Gefühl von Sicherheit aus. Es war etwas Vertrautes, was wir zusammen erarbeitet hatten.

5. Mitgebrachtes. Kleine Präsente, z.B. eine Figur oder ein Bild, welche ich der Psychologin mitgebracht hatte, wurden von ihr aufgehangen/ aufgestellt. Wenn ich manchmal in einem Gespräch abgedriftet war, hat mich ein Blick auf das Bild wieder zurück geholt.

6. Bunte Stühle – Anteilearbeit. Genau wie die Herangehensweise mit dem Flipchart ist auch die Arbeit mit verschieden farbigen Stühlen in der Therapie neu für mich gewesen. Um einzelne Persönlichkeitsanteile anschaulicher darzustellen wurden für jeden Anteil ein andersfarbiger Stuhl aufgestellt: gelb, orange und blau. Ich sollte mich dann auf den jeweiligen Stuhl setzen und aussprechen, was dieser Teil denkt und fühlt, die sogenannte Ego-state-therapy. Anteile können beispielsweise „das innere Kind“, „der innere Kritiker“, „der souveräne Erwachsene“ sein. Man schaut sich die Stühle auch noch einmal von Außen an. Es war anfangs schwer mich darauf einzulassen, aber ich konnte es immer wieder üben, so dass es jetzt immer besser klappt.

Neues Wissen und neue Erfahrungen verankern.

Diesen Beitrag widme ich meiner Psychologin. Vielleicht kann sie mit dieser Rückmeldung anderen an Schizophrenie erkrankten Menschen noch besser dabei helfen stabil zu werden, indem diese ihr schneller das Vertrauen schenken können. Vertrauen verbessert den Erfolg der Therapie enorm und es ist jedem Klienten zu wünschen.

Das Vertrauen und ein Gefühl von Sicherheit entsteht erst über eine längere Zeit des Kennenlernens. Die Begrenzung der zeitlichen Therapieeinheit empfinde ich als herausfordernd. Das ist die Schattenseite. Ehe man langsam „warm geworden“ ist beim Sprechen, neigen sich die 50 Minuten schon wieder dem Ende entgegen. Mein Rucksack ist wirklich prall gefüllt mit traumatischen Erfahrungen. Die Sehnsucht ist groß möglichst schnell aus dem Seelenleiden herauszuheilen. So war ich oft schnell frustriert. Doch wenn ich mir überlege wie lange ich mit diesem Gepäck schon auf der Erde wandle, ist es wohl ziemlich ungerecht zu erwarten, dass sich das Leiden in kurzer Zeit in Luft auflöst. So sehr ich mir das auch wünschte… Es ist aber auch gut für die Seele, wenn sie nicht allzu lange am Stück mit der Vergangenheit und der Arbeit daran konfrontiert ist. Die Seele braucht auch Pausen und Zeit für schöne Momente und Freude.

Zusatz I Fotos. Was mir während einer Kur einmal sehr gut gefallen hat, war der Einstieg einer Therapeutin in ein Gruppengespräch mit groß gedruckten Fotos von verschiedenen Motiven, z.B. Tiere, Heißluftballon, Menschen… Jede:r sollte sich 2 bis 3 Fotos heraussuchen und den Grund für die Wahl nennen. Das hatte mich auch sehr auf der emotionalen Ebene angesprochen. Ich hatte Zugang zu meiner Gefühlswelt, was ich als sehr angenehm und beruhigend empfand. Schnell fühlte ich mich sicher, weil ich gut „bei mir“ sein konnte. Verstand und Emotionen konnten hier gut ineinandergreifen, also Worte und Bilder.

Zusatz II Musik. Auch Musik ist ein Tor in die Gefühlswelt. Ich denke, wenn wir unsere Gefühle wahrnehmen, dann können wir heilen und alte Verletzungen auflösen. Manchmal bringe ich ein Lied mit in die Therapie und wir hören es uns zusammen an. Ich finde wieder mehr zu mir und kann mich besser entspannen. Eine Erfahrung mit kraftvoller klassischer Musik in der Klinik während der Musiktherapie hat mir wieder den Weg zurück ins Leben geebnet, als ich dort an einem Tiefpunkt war. Auch im Geräteturnen spielte für mich bei der Bodenkür die Musik eine große Rolle. Sobald meine Lied gespielt wurde, tauchte mein Körper sanft in den Rhythmus ein. Melodie und Rhythmus können uns eine gewisse Orientierung geben, wenn unser Gefühlsleben durcheinander ist. Musik kann uns beflügeln, erheben, beglücken und unseren Schmerz heilen.

Naturmusik: eine Sinfonie aus Licht und Schatten; aus Wasser, Luft und Erde; aus Wachsen, Verblühen und Aufkeimen. Eine Melodie des Wasserplätscherns und Blätterraschelns.

Betroffene: Teil vom bunten Blumenstrauß

Die Nelke. Ein Teil vom bunten Blumenstrauß by T. M. 🌙

Über Schizophrenie zu lesen kann sehr harter Tobak sein. Doch es ist so wichtig darüber zu schreiben, damit wir Betroffenen uns in unsere Umwelt integrieren können und als Teil der Gesellschaft anerkannt werden. Wir sind nicht „falsch“. Wir leiden sehr unter den Erfahrungen, die wir in der akuten Phase durchleben müssen. Wir zweifeln an uns, weil wir Dinge wahrgenommen haben, die andere nicht wahrnehmen. Wir fühlen viel Schuld und Scham wegen der Krankheit. Wir leiden unter der Stigmatisierung und den Vorurteilen. Wir müssen uns so sehr anstrengen, um einen guten Alltag zu organisieren. Wir investieren viel Kraft, um unsere Empfindungen und unseren Seelenschmerz zu verbergen, damit wir nach Außen so „normal“ wie möglich erscheinen. Wir sind oft sehr misstrauisch und suchen viel Sicherheit. Es fällt uns schwer Freundschaften aufzubauen und zu halten. Auch Liebesbeziehungen sind für uns sehr herausfordernd. Wir benötigen mehr Unterstützung von Expert:innen. Doch wir sind auch sehr feinfühlige, liebevolle und empathische Menschen. Viele Betroffene sind sehr kreativ, z. B. Zeichnen manche wunderschöne Gemälde. Wir haben es verdient respektiert und angenommen zu werden. Wir haben uns diese Krankheit nicht ausgesucht. Zu einem kleinen Teil ist es genetisch, zu einem anderen Teil ist es auch unsere Lebensgeschichte.

Wir können heute von den Medikamenten profitieren, die uns ein (fast) normales Leben ermöglichen.
Bitte gebt uns eine Chance Euch zu zeigen wie wertvoll und tiefgründig wir sind. Lasst uns ein wichtiger Teil des großen Ganzen sein. Nehmt uns in Euren Reihen auf. Lasst uns am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Kürzlich las ich, dass Greta Thunberg, die bekannte Klimaaktivistin, die den Mut hat vor vielen wichtigen Politikern international auf die Probleme des Klimawandels hinzuweisen, das Asperger Syndrom hat (Authismus). Vielleicht hat Ihr dies die Stärke und Kraft verliehen, sich so intensiv und angstfrei für dieses Thema einzusetzen?

Die Nelke. Sie steht für Hingabe und Liebe
by T. M. 🌙

Wir denken und fühlen vielleicht auf unsere besondere Weise, doch das macht den gesamten Blumenstrauß doch noch viel bunter.

Ich bin froh, dass ich mich für diesen Weg des Blogschreibens entschieden habe, um u. a. mehr Licht in dieses Schattenthema zu bringen. Es tröstet mich, dass ich mit dieser Erkrankung nicht allein bin. Mittlerweile habe ich einige Videos von anderen betroffenen Menschen auf youtube gefunden. Das ein oder andere Video werde ich in meinem Blog verlinken, damit das Thema noch mehr Reichweite bekommt. Es ist mein Wunsch, dass man sich mit dieser Erkrankung nicht mehr verstecken muss, sondern sich offen damit zeigen kann. Doch heute denke ich, dass ich noch nicht mit meinem richtigen Namen öffentlich werden kann. Da ich im Berufsleben stehe, worüber ich sehr glücklich bin, scheint mir das Risiko zu hoch, dass mein jetziger Arbeitgeber oder ein zukünftiger Chef davon erfährt. Auch mein Kind soll völlig frei von Stigmatisierungen Aufwachsen dürfen. Man wird doch oft nicht mehr mit den gleichen Augen betrachtet wie zuvor, also bevor diese Information einmal ausgesprochen wurde. Es lässt sich nicht mehr ungeschehen machen. Ich hoffe, dass ich auf meinem Blog einigen Menschen zeigen darf, wie ein Leben mit Schizophrenie aussieht und welche Faktoren die Resilienz verbessern und was uns seelisch stärken kann.

Wie versprochen verlinke ich Euch hier noch ein interessantes Video von #Psychologeek mit Pia zum Thema Schizophrenie, welches für bessere Integration von Betroffenen plädiert. Sie erwähnt in ihrem Beitrag, dass 72% der erkrankten Menschen denken, dass sie ihre Diagnose geheim halten müssen. Ich bin eine davon. Viel Freude beim Anschauen: https://youtu.be/vv11oMBumo0

Psychologeek: Aufklärung zum Thema Schizophrenie

Schnell! … Wohin?

Schnell! … Wohin? – Video World of Motorsport J. Korth 2021 by T. M. 🌙

Ich rase. Ich bin schnell unterwegs. Immer aus der Puste, denn Luftholen brauche ich nicht. Ich bin flink wie ein Wiesel! Doch in welche Richtung möchte ich überhaupt? Keine Ahnung. Hauptsache ich bin schnell dort. Ahh, da noch fix die grüne Ampel erwischt. Der Autofahrer lässt mich auch vorbei. Dankeschön! Ich bin zufrieden mit mir. Bloß keine Zeit verschwenden. Es gibt viel zu tun…

Nur wofür mache ich das? Was will ich denn „erreichen“? Ach, das ist nicht so wichtig. Immer nur in Bewegung bleiben. Ziele sind was für die Grübler und nicht für die Macher. Schon bin ich da, gleich bin ich dort. Ich liebe meine Geschwindigkeit. Alles rauscht an mir vorbei und ich bin schnell wie der Blitz. Ich bin eine rasante Heldin…

Schnell! … Wohin? – 📷 World of Motorsport J. Korth 2021 by T. M. 🌙

Doch am Ende des Tages ist keine Kraft mehr da. Hatte ich heute Freude? Keine Ahnung. Vielleicht bin ich schnurstracks an ihr vorbeigesaust. Bin ich meinen Wünschen und Träumen näher gekommen? Hmmm. Ich glaube nicht. Ich kenne sie ja nicht einmal…

Vielleicht sollte ich manchmal den Fuß vom Turbo nehmen, um die Schönheit der Welt um mich herum wahrzunehmen. Vielleicht wäre es an der Zeit mir meine Ziele bunt auszumalen und groß zu träumen. Ach, eine Pause zwischendurch zum Durchatmen, wäre doch ganz nett. Aber dann kommen sie meist: die Gefühle. Gefühle von Taubheit, Niedergeschlagenheit, Erschöpfung, Minderwertigkeit, Traurigkeit Verzweiflung, Wut, Verletzlichkeit und so weiter. Das fühlt sich gar nicht gut an. Ein guter Grund für die Raserei. Doch möchte ich immer davor weglaufen? Oder möchte ich sie lieber annehmen, ihnen Mitgefühl entgegenbringen, sie auch wertschätzen und integrieren? Ihnen einen Platz am warmen Ofen geben? Diese Gefühle hatten früher eine wichtige Aufgabe. Sie haben uns beschützt, damit wir überleben, wenn wir schlimme Erfahrungen gemacht haben… Und solche Gefühle gehören zu einem bestimmten Grad auch zum täglichen Leben dazu. Wir werden auch mal von anderen Menschen verletzt. Das ist normal. Doch heutzutage sind vor allem große Gefühle wie Euphorie und unbändige Freude populär, genauso wie Dramen. Negative Gefühle werden versteckt und verdrängt, weil sie nicht salonfähig sind. Darüber hat auch Dami Charf in ihrem lehrreichen Buch „Die drei Quellen echten Lebensglücks“ geschrieben.

Ich versuche zu lernen gute Pausen zu machen und besser wahrzunehmen, was ich wann brauche. Ich möchte und werde mich in Selbstfürsorge üben, damit ich in allen Lebensbereichen über ausreichend Energie verfüge und ich sie nach meinen Vorstellungen und Wünsche gestalten kann. Und ich möchte mir mehr Zeit für das Ent-wickeln meiner Ziele nehmen. Denn dann kann ich meine Kraft in die richtige Richtung lenken und später auch dort ankommen.

Was sind Deine Ziele? Wenn Du magst, dann schreibe sie gern in die Kommentare. Alles Gute. Theia

Die Archäologie der Seele

TUTANCHAMUN – Quelle: Buch „Auf den Spuren versunkener Reiche“ Lingen Verlag (2005)

In Ägypten wurden früher die Pharaonen zunächst in den beeindruckenden Pyramiden beerdigt. Später wurden geheime Grabkammern in Gestein oder unter der Erde als letzte Ruhestätte gewählt, z. B. im Tal der Könige. Sie wurden besser versteckt um die wertvollen Beigaben vor Grabräubern zu schützen. Heute wurden viele Grabstätten von Archäologen gefunden und die wertvollen Beigaben geborgen. Die Schätze vergangener Kulturen werden in feinster Kleinarbeit freigelegt, analysiert und alles wissenswerte aufgeschrieben. Viele tausende Puzzleteile antiker Geschichte sind aufgrund dieser Forschung zusammengesetzt worden. Sie gewähren uns Einblick über ihre damalige Lebensweise, Rituale und Verbindungen unter einander.

Was hat Archäologie mit unserer Seele zu tun?

Die Archäologie der Seele I by T. M. 🌙

Ich finde, dass die Arbeit der Archäologen mit der Arbeit der Psychologen verglichen werden kann. Unsere verborgenen Verletzungen und Schatten, müssen genauso wie die Grabkammern gefunden und freigelegt werden. In der Psychotherapie können wir uns Schicht für Schicht an alte Prägungen herantasten, sie wie eine Grabbeigabe bergen und im besten Fall auflösen. Doch es bedarf viel Geduld, Fleiß und Vertrauen. Man muss oft eine neue Sprache lernen, um die Hyroglyphen alias die eigene Gefühlswelt zu verstehen.

Zunächst müssen die oberen, gröberen Schichten abgetragen werden, bis man den Eingang einer versteckten Grabkammer finden kann. Dieser Prozess kann in der Archäologie und in der Psychotherapie Jahre dauern, wenn man eine so schwere Erkrankung hat wie die Schizophrenie. Jahre voller Sand und Steine und Suchen. Ich hatte zum Beispiel drei Therapien (nacheinander, nicht zu gleichen Zeit) über viele, viele Monate gemacht. Ich kam gefühlt keinen Schritt vorwärts und doch wurden Sandschichten abgetragen. Ich hatte für die Therapiestunde Zeit und Raum für mich selbst. Mein Nervensystem konnte im Gespräch mit den Therapeuten lernen sich selbst besser zu regulieren. Natürlich war ich oft verzweifelt. Meinen Seelenschmerz wollte ich heilen und war manchmal sehr wütend, weil ich das Gefühl hatte auf der Stelle zu stehen. Es war das abtragen der oberen Schichten. Ich war zu Zeiten der Therapie auch in sehr anspruchsvollen Lebenssituationen, z.B. im Studium oder im Job nach dem Studium. Da lässt die Seele zu tiefe Grabungen auch schwer zu.

NOFRETETE – Quelle: Buch „Auf den Spuren versunkener Reiche“ Lingen Verlag (2005)

Wie die Grabstätten später in Felsen und unter der Erde angelegt wurden, um sie vor den Grabräubern zu schützen, so schützt sich auch unsere Seele, wenn wir überwältigende und traumatische Erfahrungen machen. Um überleben zu können, entwickeln wir Schutzmechanismen: es spalten sich seelische Anteile von uns ab und werden verdrängt, damit wir daran nicht zugrunde gehen und der Situation nicht ausgeliefert sind.

Jetzt wo ich stabil im Job und auch Mutter bin und ich fest im Leben stehe, kann die aktuelle Therapie viel tiefer und besser wirken. Es werden erste Schätze gefunden (z. B. Bewältigungsmechanismen), die teilweise mit sehr viel Feingefühl der Psychologin ins Bewusstsein geholt werden können. Das ist ähnlich wie mit dem Fund einer wertvollen goldbeschichteten Pharaomaske aus feinstem Papyrus, die mehrere tausend Jahre alt ist. Sie wird von den Archäologen mit den feinsten Pinseln von Sand und Staub freigestrichen… Der Schatz oder Schatten der Kindheit oder Verhaltensmuster vorheriger Generationen können vorsichtig geborgen werden und wir bekommen einen lang vergessenen Teil unseres Selbsts zurück. Wir können uns wieder besser spüren. Wir sind präsenter, erfüllter und glücklicher. Wir können alte Wunden heilen. Die Archäologie der Seele ist eine Forschungsreise, die viel Fleiß, Geduld und Verteauen bedarf und uns am Ende reich beschenken wird. Sie lohnt sich.

Die Archäologie der Seele II by T. M. 🌙

Noch ein Vergleich. Die Methodik bei der Untersuchung der Mumien hat sich weiterentwickelt und verbessert. Früher wurden die umgewickelten Bandagen aufgeschnitten und entfernt, damit man unter anderem das Geschlecht, das Alter und so weiter der Mumie bestimmen konnte. Heute werden die Mumien nicht mehr entblößt, sondern mit dem CRT schichtweise durchleuchtet und man bekommt auf diesen Weg die gewünschten Informationen. (Manchmal wird sogar ein Schutzamulett gefunden, was dem Verstorbenen auf den Oberkörper gelegt wurde, damit seine Seele beim Übergang in die Totenwelt geschützt wird.) Die Behandlung von Schizophrenie hat sich auch deutlich verbessert. Vor vielen Jahren gab es z. B. in den Kliniken kaum helfende Medikamente mit sehr starken Nebenwirkungen. Viele Erkrankte mussten in den Kliniken bleiben, um betreut zu werden. Ich hörte davon, dass diese Patienten, die eben dauerhaft in der akuten Phase waren (chronisch) am Tag Knöpfe und Kastanien auseinander sortierten. Am Abend wurden sie wieder vermischt, damit die Erkrankten sie am nächsten Tag wieder sortieren konnten. Das muss eine schlimme Zeit für die Betroffenen gewesen sein. Die Forschung hat glücklicherweise viele gut wirkende Medikamente entwickelt. Damit ist es möglich die akute Phase zu überwinden und ein (fast) normales Leben zu führen. Das oben genannte Amulett kann als Symbol dafür stehen, dass durch traumatische Erfahrung sehr viel Lebenskraft in uns gespeichert ist, was uns einen mitfühlenderen Blick auf uns selbst ermöglicht. Ein zweites Beispiel: Während man früher dachte, dass eine Psychotherapie nicht hilft, weiß man heute, dass eine Verhaltenstherapie sehr gut unterstützt und die Betroffenen stabilisiert. Betroffene können im Gespräch ihre Gedanken sortieren und lernen auch wie sie ihr Nervensystem besser regulieren können. Ich bin sehr froh, dass ich heute aufgrund dieser zwei Errungenschaften vor dem Hintergrund meiner Lebensgeschichte ein gutes Leben führen kann.

Aller Anfang ist schwer – wie der Katalysator hilft

Aller Anfang ist schwer, heißt es. Davon kann ich sozusagen ein Lied singen. Neue Dinge sind zwar aufregend, aber sie setzen mich auch enorm unter Druck und wecken Versagensängste in mir. Meine eigene Erwartungshaltung steigt schnell an. Schließlich bin ich ja auch ein Perfektionist und muss alles sofort perfekt können oder es soll wenigstens besonders schön werden.

Ja, ja, mein innerer Antreiber oder innerer Kritiker lässt mir keine Ruhe. Immer wach und einsatzbereit. Man kann sich auf ihn verlassen, diese „Treue Seele“. Wenn einer da ist, dann er. 🙂

Ähm ja zurück zum Anfang vom Anfangen… Die ersten Schritte fallen mir besonders schwer. Es ist ein bisschen wie bei einer endothermen chemischen Reaktion. Also es muss Energie hinzugefügt werden, damit die Reaktion abläuft. Es braucht einen Katalysator. Und das ist auch ein großartiger Vergleich für die Gespräche, die ich mit meiner Therapeutin, Neurologin oder Familienberaterin führen darf. Ich brauche von Außen etwas Aufmerksamkeit und Raum für meine Gefühle und Gedanken, einige zusätzliche Sichtweisen auf vermeintlich verfahrene Situationen (Schwung) und dann kann ich Dinge bewältigen, Probleme lösen und Ziele erreichen (dann kommt der Stein ins Rollen).

Erst einmal EINE Lösung finden, nicht zu lange an einer Perfekten Lösung feilen, das war ein sehr hilfreicher Rat von der Familienberaterin. Das Ausfeilen kann dann anschließend erfolgen. Puh, das kann eine ganz schöne anstrengend sein. Und gleichzeitig nimmt es unheimlich viel Druck aus dem eigenen Leistungsanspruch. Wie befreiend.

Aller Anfang ist schwer by Theia Moon

So habe ich dann auch versucht an das Legobauen mit meinem Kind heranzugehen. Ich hatte diese dunkelgrüne Legoplatte, einen Haufen Legosteine vor mir und hatte keine Ahnung was ich damit bauen sollte. Mein innerer Anspruch war es etwas ganz großartiges zu erschaffen. Das innere Barometer verzeichnete zuverlässig einen Druckanstieg. Mein Herz schlug schneller, der Atem wurde flacher, der Stresspegel wollte quasi abheben… Ich konnte es sehr gut als Beobachter wahrnehmen und konnte sogar gegensteuern. Ich konzentrierte mich auf meinen Atem und ließ ihn ruhig und gleichmäßig werden. Mein Kind setzte derweil fleißig Stein auf Stein auf seiner grünen Platte. Okay dachte ich. Hier sind keine weiteren Schiedsrichter (aus meinem inneren) zu sehen. Jetzt setze ich einfach ein paar Steinchen hier hin, ein paar Steinchen dort hin… Erst einmal EINE Lösung finden. Einen Schönheitspreis musste ich ja nicht gewinnen, das hatte ich ja sichergestellt… Und so entstand nicht nur dieses lustige Gebilde, sondern auch ein neuer Weg für mich im Umgang mit dem „Anfangen“ und dem „Unbekannten“. Ich machte die Erfahrung, dass weniger Druck auch zum Ziel führt und ich mich dabei sogar gut fühlen darf.

Dinge ohne Druck tun – Lego Ergebis 1
Dinge ohne Druck tun – Lego Ergebnis 2

Ein anderer schöner Rat, den ich geschenkt bekommen habe ist der Vergleich vom Leben mit der Musik. In der Musik gibt es den Takt und den Rhythmus. Der Takt ist starr und fest. Der Rhythmus ist beweglich und flexibel. Die Natur hat zum Beispiel ihre Rhythmen: die Jahreszeiten, den Tag und Nacht Wechsel oder den Mondzyklus. Ein Baum wirft jetzt nicht am 22. September alle Blätter ab, weil der kalendarische Herbst begonnen hat (Takt), sondern er passt sich den Gegebenheiten an wie Temperatur, Wasserverfügbarkeit, Sonnenlichtmenge, etc. (Rhythmus). Alles ist in einem so genannten Flow und fließt ineinander.

Und so versuche ich dieses Bild vom Rhythmus auch in andere Lebensbereichen zu integrieren und Dinge weniger starr zu halten. Der Sonnengruß im Yoga zum Beispiel hat verschiedene Variantionen, und doch gibt es einen rhythmischen Ablauf. Dieser folgt dem Rhythmus des Atems. Auch im Haushalt versuche ich weniger den einzelnen Aufgaben einen festen Platz in der Woche zu geben, sondern richte mich mehr nach dem Bedarf: Ist der Geschirrspüler wirklich schon voll oder kann ich noch einen Tag warten? Muss die Wäsche jetzt gewaschen werden oder sammle ich lieber noch zwei Tage und spare mir hier und da ein unnötiges Waschen zwischendurch. Am Ende soll an alles gedacht und auch rechtzeitig erledigt sein. Und das Schöne ist, wenn man mal eine Woche keinen Staub gesaugt hat, geht die Welt Nicht Unter. Tatsächlich! Das hätte ich nicht gedacht. Das Mitschwingen mit dem was uns umgibt kann vieles einfacher und entspannter machen. Also viel Freude im Flow.

Energy Flow, where attention goes.

Wenn Essen zur Last wird

Und wenn die Seele verletzlich wird

*** triggerwarnung ***

Es war Liebeskummer, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Als sich mein erster Freund nach 1 Jahr von mir getrennt hatte geriet mein Essverhalten aus dem Gleichgewicht. Frustessen war meine Antwort auf mein gebrochenes Herz. Auch der Konsum von Alkohol nahm zu, aber davon soll hier nicht die Rede sein. Ich war jedenfalls todunglücklich.

Auf einmal habe ich so stark zugenommen, dass mir meine Kleidung nicht mehr passte. Das war für mich als ehemalige Geräteturnerin ein Alarmsignal.

Plötzlich habe ich mich sehr mit dem Thema Ernährung beschäftigt. Ich habe damals, mit 16 Jahren, verschiedene Broschüren und Ratgeber gelesen. Das Wissen habe ich aufgesogen. Doch je mehr ich mich damit befasste, desto weniger Lebensmittel blieben zum Verzehr übrig, die gesund sind und nicht dick machten. Auch verschiedene Nahrungsergänzungsmittel, die angeblich den Appetit senken oder ein Sättigungsgefühl auslösen sollten habe ich ausprobiert.

Am Ende war ich so dünn, dass ich in eine Klinik gehen musste. Dort sagte man mir, dass ich am Anfang einer Magersucht stehe. Das traf mich wie der Blitz. Ich fühlte mich gar nicht gesehen. Also beschloss ich weiter abzunehmen und fast nichts zu mehr essen. Im Dezember 1998 wurde ich entlassen, aber ohne Therapieerfolg.

Zuhause aß ich dann kaum noch etwas, obwohl ich mir extra sehr viele fettreduzierte und zuckerfreie Produkte gekauft hatte. Ich trank viel heißen Tee und Gemüsebrühe (ich habe immer gefroren) und kaute Kaugummis um etwas Geschmack im Mund zu haben ohne etwas zu mir nehmen zu müssen. Ich war für Ratschläge von anderen nicht mehr erreichbar.

Der Weg heraus

Der Weg heraus

Meine Mutter befasste sich mit neuer Literatur. So kam es, dass ich dann ihr ausgelesenes Buch „Die Macht des Unterbewusstseins“ von Dr. Joseph Murphy in den Händen hielt. Das Lesen half mir sehr dabei, mein Problem wieder zu akzeptieren und anzuerkennen, welches ich völlig verdrängt hatte… In diesem Buch wurde über die Kraft von Beschlüssen berichtet und davon, was man wirklich will. Eines Abends sprang ich dann vom Lesen auf, stellte mich vor den Spiegel, schaute mir in die Augen und sagte mir: „ICH BIN nicht mehr magersüchtig!“ ICH BIN sind die mächtigsten Worte, die uns prägen können. Es war ein fester Beschluss. Ich wollte gesund sein. Ich wollte nicht, dass sich mein Leben nur um das Essen und das Abnehmen dreht. Dafür gibt es zu viele schöne Dinge auf dieser Welt.

Der erste Schritt war getan, der Allerwichtigste. Doch es gab noch einige Hürden zu nehmen…

Am nächsten Morgen ging ich in die Küche und wollte wieder mit dem Essen beginnen. Ich saß mit meiner Familie am Tisch und holte mir einen fettarmen Joghurt aus dem Kühlschrank. Ich sagte, dass ich Appetit auf Haferflocken hätte. Meine Mutter traute ihren Ohren kaum und holte sie aus dem Schrank. Ich schüttete die Flocken in meinen Joghurt. Meine Familie schaute mich mit großen Augen an. Als ich die ersten Löffel aß, begann meine Mutter fast an zu weinen. Sie war so froh, dass ich wieder etwas zu mir nahm. Ich stellte für mich eine Liste auf, in der ich links die gesunden Lebensmittel aufschrieb und rechts die ungesunden. Links standen z. B. Obst und Gemüse, rechts standen u.a. Schockolade und Kuchen. So begann ich wieder mit dem Essen und aß nur gesunde und vegetarische Sachen. Für mich hat das gut funktioniert.

(Am Rande sei erwähnt, dass das Auflösen der Magersucht zu einer neuen seelischen Beeinträchtigung führte. Ich hatte so lange auf Nahrung verzichtet, dass sich eine Schizophrenie entwickelt hatte. Diese kam erst langsam zum Vorschein, als ich wieder angefangen hatte zu Essen.)

Irgendwann wurde ich ermutigt ein Stück Kuchen zu essen. Kuchen war auf meiner gesunden Liste nicht vorgesehen. So brauchte es viel Zuspruch und Überredungskunst. Dann habe ich den Kuchen ganz langsam gegessen und war von dem Geschmackserlebnis, also dem Zucker, so begeistert, dass ich von da an mehr davon wollte. So begann ich auch die Lebensmittel von der rechten Seite zu essen. Ich nahm rasch zu, was anfänglich auch gut war weil ich so abgemagert war. Doch dann konnte ich kein gesundes Maß finden und die ungesunden Sachen überwogen und die Figur wurde rund und immer rundlicher…

Die Gewichtszunahme war schwer zu ertragen. Also begann mich mit Kuchen oder Pizza vollzustopfen, um mir danach den Finger in den Hals zu stecken. Die Magersucht hatte sich in eine Boulemie gewandelt. Es war eine schwere Zeit. Ich war in meine erste Wohnung gezogen und hatte eine Ausbildung aufgenommen. Wer Boulemie kennt, der weiß auch dass es viel Geld kostet, das viele Essen zu kaufen, was man dann aber wieder hergibt. So war ich immer sehr sehr knapp bei Kasse. Doch die Ausbildung hat mich gestärkt:

Ich hatte einen festen Tagesablauf in der Firma,

ich hatte eine Aufgabe und fühlte mich gebraucht,

ich hatte soziale Kontakte, meine Kollegen und Mitschüler in der Berufsschule

Meine Kollegen sprachen mich auch auf mein Essverhalten an, so dass ich darüber für mich reflektieren konnte und musste. Und so schaffte ich Stück für Stück zurück zu einem (fast) normalen Essverhalten.

Meine Therapeutin sagt mir heutzutage, dass es gut und gesund war, dass der Heilungsweg über die Boulemie ging. So sei dieser Weg nachhaltiger und das Ergebnis stabiler.

Meine Mutter konnte mich eine Zeit lang weder erreichen noch mir helfen. Sie machte sich große Sorgen. Viel später erzählte sie mir, dass sie sich abends vor dem Schlafengehen immer wieder vorgestellt hat, wie es sein würde, wenn ich wieder gesund wäre. Das hatte sie in dem Buch „Die Macht des Unterbewusstseins“ gelesen. Das hatte mich sehr gerührt. Und ich glaube sehr daran, dass es mir geholfen hat wieder gesund zu werden… Wir sind was wir denken. Falls jemand eine/n Betroffene/n kennt und sie/ ihn nicht mit Argumenten überzeugen kann, empfehle ich diese Imaginationsübung.

Warum entwickelte sich eine Essstörung?

Warum entwickelte sie sich?

Zur Magersucht kommt es meist nur bei sehr ehrgeizigen Menschen. Denn man muss sehr willensstark sein, um sich die lebensnotwendige Nahrungszufuhr verweigern zu können.

Ich habe später viel darüber nachgedacht und reflektiert, warum es zur Esstörung kam. Mein Wunsch war es zum einen gesehen zu werden. Zum anderen wollte ich gerne so zart und zerbrechlich sein wie ein Porzellanpüppchen, weil ich mich im Inneren so fühlte. Ich wollte, dass mir endlich alle Lasten und Belastungen abgenommen werden, die unfairerweise auf meine Schultern gelagert wurden. Ich wollte frei und unbeschwert sein. Ich wollte geliebt sein, Geborgenheit, Schutz und Sicherheit. Viel zu früh wurde meine Kindheit teilweise beendet (mit ca. 6 Jahren) und von mir Verhaltensweisen von einem Erwachsenen erwartet. Z.B. als mein Vater meine Mutter vor unseren Kinderaugen verprügelt oder sie im Schlafzimmer vergewaltigt hat. Das hinterlässt Spuren. Diese Wunden wollten versorgt werden. Doch es blieb aus.

Das Abitur, der Liebeskummer und der Nebenjob waren für mich mit meinen 16 Jahren und meinem seelischen Gepäck einfach zu viel. Meine Seele kollabierte und suchte sich eine Möglichkeit um aus dem Hamsterrad des Alltags auszubrechen und wieder verletzbar, klein und hilflos sein zu dürfen wie ein Kind.

Wie sieht es heute aus?

Heute schmeckt das Essen wieder

Heute geht es mir wieder gut. Ich esse normal und habe eine normale Figur. Ich habe gelernt, dass auch Bewegung und Sport ein wichtiger Bestandteil für eine gesunde und gute Figur sind. Allerdings benutze ich den Sport nicht als Kampf gegen meine Pfunde. Mir ist klar geworden, dass mir Sport nur gut tut, wenn ich daran Freude habe und ich mich danach vital und nicht kaputt fühle. Bewegung hilft auch dabei das Stressniveau zu senken und wieder in den grünen Wohlfühlbereich zu kommen. Die Muskelkontraktion ist der effektivste Weg um Stresshormone abzubauen.

Wenn ich heutzutage z. B. mit Kollegen in der Mittagspause essen gehe, spüre ich schon eine Aufregung und Anspannung. Das tritt häufig auf, auch mit anderen Menschen. Manchmal merke ich auch, dass ich nach dem Naschen etwas aus der Balance gerate und dann mehr frisches Obst und Gemüse esse oder mich etwas mehr bewege um es wieder auszugleichen. Das ist im Verhältnis zu dem, was ich durchgemacht habe, aber nur eine kleine Einschränkung. Mein Kopf ist wieder frei! Ich muss nicht mehr ständig über das Essen Nachdenken und gönne mir auch gezuckerteLebensmittel in kleinen Mengen.

Anmerkung:

Eine Esstörung ist eine schlimme und tückische Krankheit. Nicht zuletzt spielen die aktuellen Schönheitsideale hier eine große Rolle. Frauen und Männer auf Werbeplakaten, im Fernsehen, in Zeitschriften und Schaufensterpuppen etc. sehen schlank und hübsch aus. Diese Menschen leiden meist selbst an einer Essstörung, denn das was wir zu sehen bekommen sind Menschen mit einem zu geringen Body Maß Index. Wir verlieren uns in diesen Bildern und denken, dass wir auch so glücklich und erfolgreich wie die Menschen auf den Plakaten wären, wenn wir nur schlank genug sind. Mir war das gar nicht so sehr bewusst, bis ich die Dokumentation „Embrace – Du bist schön“ vor ca 3 Jahren angeschaut habe. Sie hat mir noch einmal die Augen geöffnet und mich mit ganz viel Mitgefühl für mich selbst beschenkt. Wir unterliegen einer gesellschaftlichen Prägung durch die Medien, die uns täglich unbewusst solche Ideale als normal und erstrebenswert verkaufen. Aber das ist es nicht. Ich finde zum Beispiel die Sängerin Adele wunderschön, obwohl sie ein paar Kurven hat.

Esstörungen kommen schleichend. Zunächst möchten sich viele gesund, bewusst oder sogar tierschützend vegan ernähren. Für die meisten bleibt es auch dabei. Für manche aber wird es zu einer Krankheit, bei der man die gesunde Grenze überschreitet. Manche möchten wieder mehr Kontrolle über ihr Leben erhalten, was eventuell in irgendeiner Weise aus den Fugen geraten ist. So lange man am Anfang steht kann man noch gut entgegen lenken. Man weiß noch was man tut. Aber je länger man daran festhält, desto mehr verliert man die Einsicht krank zu sein. Bei mir war das der Fall. Ich würde jedem, der versucht Probleme über das Essverhalten zu lösen dringend raten sich Unterstützung zu suchen, um wieder in den eigenen grünen Wohlfühlbereich zurück zu finden. Es wird oft sehr schwierig die Esstörung zu heilen, wenn sie sehr fortgeschritten ist. Das ist mir ein ganz wichtiges Anliegen. Bei anderen Süchten muss auf das Suchtmittel verzichtet werden (Drogen, Alkohol). Das ist mit dem Essen nicht möglich. Deshalb finde ich die Magersucht oder Boulemie wirklich sehr herausfordernd. Ich empfehle Betroffenen Gespräche mit dem Hausarzt, guten Freunden, vielleicht auch der telefonischen Seelsorge, dem sozialpsychiatrischen Dienst oder mit Familienangehörigen wie Großeltern, Tanten und Onkel oder Cousinen. Es lohnt sich.

Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit by Theia Moon

Heute schon an Morgen denken. Das ist auch bei psychischen Erkrankungen wie z. B. Schizophrenie sehr wichtig. Wenn ich heute gut für mich sorge, wie beispielsweise regelmäßig ausreichender Schlaf (ca 8 Stunden), dann bin ich ausgeglichener, entspannter, erfolgreicher im Job, weil ich mich besser konzentrieren kann und liebevoller im Umgang mit meinem Kind, weil ich geduldiger bin.

Auch ein gutes Stressmanagement ist hilfreich: Stressquellen möglichst entfernen und Dinge tun, die einem Freude bereiten.

Stressquellen können Rauchen, große Menschenmengen, zu viel Kaffee, zu wenig Geld, Alkohol, zu viel Zucker, Reizüberflutung, Menschen die einem nicht gut tun Bewegungsmangel oder zu hoher Druck im Job sein.

Ich konzentriere mich mit meiner Therapeutin immer wieder auf die Bewältigungssäulen, die die Widerstandskraft/ Resilienz im Alltag erhöhen können. Denn ich habe gelernt, dass es wichtig ist seine Bewältigungsmechanismen zu kennen, damit man in schwierigen Situationen bewusst auf sie zugreifen kann. Über diese Mechanismen kann man seine Gefühle, seine Gedanken, ja sein ganzes Nervensystem regulieren, wenn man im roten Bereich ist.

Es ging mir einige Zeit gar nicht gut. Jetzt komme ich langsam wieder in den grünen Bereich, weil die Medikamenterhöhung wirkt. Morgens kam ich wirklich schwer aus dem Bett. Es war jeden Tag ein Kampf. Die Freude fehlte und der Ausblick auf den anstrengenden Alltag war weniger aufmunternd. Ich fühlte mich sehr niedergeschlagen, antriebs- und kraftlos. Ich schwankte zwischen dem negativen Gefühl von „gestresst sein“ und dem positiven Gefühl von „gebraucht werden“. Ich fühle mich dick und unansehnlich, denn durch die Medikamente steigt der Appetit und damit auch das Gewicht. Doch ich habe einige Tools, die mir durch solch eine Zeit helfen, den Rücken stärken und mich auf dem Weg zurück in den grünen Bereich begleiten. Gegen den erhöhten Appetit hilft zum Beispiel Mariendistel sehr gut und sie stärkt auch die Leber (Apotheke oder wo es sonst Nahrungsergänzungsmittel gibt).

NACHHALTIGKEIT 🌱  🔜  🌳
DURCH DIE BEWÄLTIGUNGSSÄULEN 🏛 DER SELBSTFÜRSORGE

Bewältigungssäulen by Theia Moon

ERNÄHRUNG: Ausreichend Trinken, am besten Wasser, Saftschorle oder Tee. Das ist besonders wichtig, wenn Medikamente eingenommen werden. Frisches Obst und Gemüse essen schenkt wertvolle Energie und versorgen den Körper mit Mineralstoffen und Vitaminen. Z. B. Bananen haben viel Kalium und B-Vitamine und sättigen gut. Möhren sind gesund und auch gut für die Zähne. Heutzutage gibt es viele Smoothies etc, so dass unser Gebiss weniger feste Lebensmittel kauen kann. An apple a day keeps the doctor away, Äpfel gibt es bei uns fast immer.

INNERES GLEICHGEWICHT: Morgens gönne ich mir 10 Minuten Yoga um meinen Geist und Körper langsam und behutsam aufzuwecken. Seit ich vor ca. 2 Jahren starke Rückenschmerzen bekam, habe ich damit begonnen und war schnell und anhaltend wieder fit. Yoga ist aber viel mehr: der Fokus richtet sich hier auch auf die Atmung, man bekommt mehr Sauerstoff und nimmt den eigenen Atemrhythmus wieder wahr. Bewegung und Atmung sind fest miteinander verbunden und gelangen wieder in Einklang. Yoga unterstützt auch dabei Selbstdisziplin zu finden. Der Sonnengruß ist eine feste Abfolge von Asanas (Positionen), die im Flow hintereinander durchlaufen werden. Diese Struktur wirkt sich positiv auch auf andere Lebensbereiche aus. Wir erkennen andere Abläufe im Alltag sowie deren Notwendigkeit an, z. B. unsere Morgenroutinen. Letztlich fördert Yoga die Achtsamkeit, das Körpergefühl und das Selbstbewusstsein. Haltungsblockaden können sich lösen, der Körper wird wieder bewusst wahrgenommen, die tiefliegenden Muskeln werden trainiert und die Faszien gelockert. Ein aufgerichteter Körper führt zu einem aufgerichteten Geist und somit zu mehr Selbstvertrauen. Auch geführte Meditationen helfen dabei innerlich ruhig zu werden und zu entspannen. Sie enthalten positive Affirmationen/ Sätze, die den Geist stärken und in unserem Unterbewusstsein schlechte Glaubenssätze durch gute Gedanken ersetzen. Auch sanfte harmonische Klänge oder die Lieblingstanzmusik helfen dabei sich zu stabilisieren und auszubalanzieren. Die Natur kann uns ebenso Ausgleich ermöglichen. Am liebsten bin ich an Flüssen oder Seen. Ich mag das Plätschern des Wassers, die Enten und Schwäne und auch die Boote. Im Wald sind die Bäume miteinander vernetzt und steuern darüber ihr gemeinsames Immunsystem. Das wurde nun auch wissenschaftlich bewiesen. Gehen wir Menschen in den Wald, dann können wir uns mit diesem Immunsystem verbinden. Deshalb fühlen wir uns in der Natur meistens sehr wohl.

UMFELD: Ich finde es immer wieder schön, gebraucht zu werden. Das steigert das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit. Wenn ich etwas geben kann, bin ich zufriedener mit mir und fühle mich mit meinem Umfeld verbunden. Auch einen Rahmen für den Tagesablauf zu haben empfinde ich als hilfreich. Die Struktur gibt Sicherheit, Verlässlichkeit und Vorhersagbarkeit. Ich weiß, dass an alles gedacht ist, was wichtig für mich ist. Wissen ist für mich auch eine bedeutende Bewältigungssäule. Wenn ich mehr über Trauma, Schizophrenie oder toxische Menschen lerne, desto mehr nimmt es den Schrecken davor. Das Lernen ist für mich ein Bestandteil auf meinem Heilungsweg. Auch andere Menschen können uns gut tun. Sie helfen uns dabei, dass wir unsere Gefühle und Gedanken aus der Vergangenheit besser regulieren können. Einfach gesagt: ein gutes Gespräch mit einem Freund/ einer Freundin kann uns sehr gut tun und einen neuen Blick auf die Dinge schenken. Und auch eine Umarmung ist natürlich sehr wohltuend.

Die Bewältigungssäulen, die v.a. Betroffenen dabei helfen können wieder in einen grünen Bereich zu kommen, brauchen etwas Zeit um zu wirken. Es ist ein (Lern-) Prozess und es lohnt sich diesem Prozess eine Chance zu geben.