Tapferkeit und Überwältigung

Covid-19 fordert die ganze Welt heraus.

Für Menschen mit einer Schizophrenie im Rucksack ganz besonders.

Diese Menschen haben im letzten Lockdown ganz tapfer durchgehalten. Sie haben die Herausforderungen von Isolation, Verzicht auf soziale Kontakte, Verzicht auf die stabilisierende Normalität (z. B. durch Kurzarbeit oder Schließung der Schulen und Kitas) und die ständige Erinnerung an unsere Verletzbarkeit durch das Tragen des Mundschutzes ausgehalten.

Dann kam der erlösende Segen der Impfung. So langsam konnte man wieder aufatmen. Es wurde wärmer und allmählich sanken zum Glück auch die 100 Tage-Inzidenzen.

Doch langsam aber stetig ging es mir schlechter. Die Anstrengungen der letzten 10 Monate, die Angst vor Corona – vor long Covid, die Verschiedenartigkeit der Berichte in den Medien zu Covid-19 und zu den Impfungen haben tiefe Spuren auf der Seele hinterlassen.

Ich wurde dünnhäutiger, gereizter, empfindlicher. Die Bewältigung des täglichen Haushalts fielen mir immer schwerer. Im Job hatte ich viel Stress. Ein Großkunde hat eine Woche lang meinen Arbeitsbereich überprüft. Ein Ausschuss musste organisiert werden. Ich konnte mich bei der nur schwer konzentrieren und war sehr leicht abzulenken.

Ich hatte die Idee, dass ich Veganerin werden müsse. Gehäuft befasste ich mich mit Themen wie Autismus und Hochsensibilität sowie Spiritualität. Ich war auf der Suche nach mir, weil ich mich nicht mehr spüren konnte. Viel Geld habe ich ausgegeben und mich stark von Sonderangeboten zum Kauf animieren lassen. Das sind viele sogenannte Frühwarnzeichen, die ich zunächst nicht bewusst wahrgenommen hatte.

Erst in einem Gespräch mit meiner Therapeutin kam Licht ins Dunkel. Ich erzählte von den Themen, die mich beschäftigten. Mein Therapeutin fragte mich, wie ich denn auf diese Themen jetzt käme. Das gab mir einen deutlichen Stupser, der mir Klarheit brachte. Das Gespräch wirkte nach…

WEG HERAUS.
Am Abend erhöhte ich deutlich die Medikation in Eigenregie. Im nächsten Schritt schrieb ich meiner wunderbaren Neurologin eine Email. Dabei listete ich die Frühwarnzeichen auf. Sie hat mir gleich am nächsten Tag eine Antwortemail geschickt. Darin schrieb sie, dass eine Medikamentenerhöhung angezeigt sei und ich diese erst einmal 6 Wochen beibehalten solle.

Einige Tage darauf hatte ich meinen regulären Termin mit der Neurologin. Er war sehr aufschlussreich und ich möchte gerne teilen, was sie mir interessantes erklärt hatte:

„Es ginge gerade vielen Schizophreniepatienten wie mir. In dem Moment als die Coronawelle endlich gebrochen wurde, würden viele Patienten dekompensieren, d.h. dass sich ihr Gesundheitszustand stark verschlechterte.
Dies kam auch für meine Neurologin mit ihrer langen Berufserfahrung sehr unerwartet. Normalerweise gäbe es eine Stabilisierung und Verbesserung des Gesundheitszustandes, wenn die trüben Tage der kalten Herbst- und Wintermonate vorüber seien und der Sommer einkehrt. Die gesundheitliche Verschlechterung kam völlig überraschend, denn eine derartige Pandemie hatte es lange nicht gegeben.

Viele Klienten mussten, wie ich, die Medikamente erhöhen. Die Kliniken und Tageskliniken seien überfüllt. Es gäbe keine Plätze für Akutpatienten.
In den Medien würde über mangelndes Personal auf den Intensivstationen berichtet. Doch wie überlastet das Personal in den Kliniken ist, welche unter Hochbelastung arbeiten, wäre leider in den Medien nichts zu hören. Die Pandemie wird noch starke Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben, sagte die Ärztin vorausschauend.“

Falls jemand, der das liest, selbst Betroffene:r ist oder betroffene Menschen kennt, bitte schaut Euch mögliche Frühwarnzeichen an und sprecht mit Neurologen über die Medikamentendosis.

Ich habe die Dosis stark erhöht. Es geht mir viel besser. Der innere starke Leidensdruck hat sich aufgelöst und ich fühle mich innerlich ruhig und friedlich. Ich bin ausgeglichener und schaffe die täglichen Haushaltsaufgaben wieder deutlich besser. Ich befasse mich nicht mehr mit Autismus, etc. Zum Entspannen kann ich mich wieder ans Wasser setzen und empfinde dies nicht mehr als Stress. Meine Gedanken sind wieder fokussiert.
Aber ich gebe auch zu, das ich kurz die Idee hatte, die Medikamente wieder zu reduzieren. Das gehört zu dem Prozess dazu, denke ich.

Ich bin dran geblieben und Tag für Tag ist es besser und leichter geworden.
Auch einen schönen Roman kann ich wieder ganz in Ruhe lesen, was mir viel Freude bereitet und mich entspannt. Der Kampf gegen mich selbst, dagegen dass mir kleine Dinge (wie Müll wegbringen) so schwer fallen, sind eingestellt. Das ist für mich sehr heilsam.

BEEINTRÄCHTIGEN MICH DIE NEBENWIRKUNGEN?
Ich würde lügen, wenn ich „nein“ sagen würde. Ein leichtes Gefühle von gedämmt sein habe ich anfangs schon gespürt. Es fiel mir etwas schwerer mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, obgleich ich mich weniger ablenken ließ. Es ist gar nicht so leicht es klar und differenziert zu beschreiben.
Ich würde es so zusammenfassen: Mein grundlegendes Lebensgefühl ist viel entspannter und weniger von Leid und Schmerzgefühlen geprägt.

Einige Betroffene machen sich Sorgen über eine Gewichtszunahme, bei einer höheren Medikation. Auch für mich ist es eine sehr unangenehme Nebenwirkung, vor allem vor dem Hintergrund einer ausgeprägten Essstörung im Jugendalter.
Mein Appetit wurde größer. Der Wunsch nach süßen Speisen jeglicher Art hat zugenommen. Eine kurze Zeit war es mir nicht aufgefallen. Doch spätestens als die Kleidung anders gesessen hatte, wurde es mir bewusst. Zum Glück hatte ich einmal gelesen und schon mehrfach erfolgreich angewendet, dass in solch“ einem Fall Mariendistelkapseln sehr gut helfen und die Leber unterstützen. Mein Tipp für alle Betroffenen. Man bekommt sie in jedem Drogeriemarkt. Mein Appetit auf Süßes ging zurück, mein Appetit auf frisches Obst und Gemüse wurde wieder spürbar. Damit sich kein Heißhunger einstellen kann, gönne ich mir ab und zu Bitterschokolade (70%) oder Mandeln. Zusätzlich mache ich jeden Morgen 10 Minuten Yoga. Das weckt den Körper auf und trainiert auf leichte Weise die Muskeln und die Atmung.

NOCH EIN PAAR ANMERKUNGEN ZUM SCHLUSS
Meine Neurologin meinte, dass auch die Zunahme der Reize einen Belastungsfaktor darstellt. Im Lockdown war alles heruntergefahren. Dann haben Restaurants und Geschäfte wieder geöffnet. Viele Menschen sind auf den Straßen und in den Parks. Auch hier sind betroffene Menschen gefährdet.

Meine Neurologin hat mir ein paar Tipps für diese Zeiten gegeben:
– in die Natur gehen, wo wenig Menschen sind
– volle Parks und Plätze meiden
– Mandalas bunt ausmalen, man hat danach ein Ergebnis in der Hand
– soziale Kontakte in Maßen

Zusätzlich ein paar Ideen von mir:
– etwas schönes Lesen, vllt einen Roman mit Happy End
– ausreichend Schlaf
– frisches Obst und Gemüse essen
– genug Trinken, v.a. Tee oder Wasser
– Pausen einlegen
– kleine To-Do Listen schreiben und abhaken
– lustige Videos schauen, Lachen ist die beste Medizin
– singen
– Bewegung: Tanzen, Yoga, Kraftübungen, Radeln, Spazieren (Stressabbau, Körper spüren)

Ich habe endlich wieder das Gefühl, das Ruder über mein Leben in der Hand zu haben! Ein herzliches Dankeschön an meine Therapeutin und meine Neurologin.

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