Die Archäologie der Seele

TUTANCHAMUN – Quelle: Buch „Auf den Spuren versunkener Reiche“ Lingen Verlag (2005)

In Ägypten wurden früher die Pharaonen zunächst in den beeindruckenden Pyramiden beerdigt. Später wurden geheime Grabkammern in Gestein oder unter der Erde als letzte Ruhestätte gewählt, z. B. im Tal der Könige. Sie wurden besser versteckt um die wertvollen Beigaben vor Grabräubern zu schützen. Heute wurden viele Grabstätten von Archäologen gefunden und die wertvollen Beigaben geborgen. Die Schätze vergangener Kulturen werden in feinster Kleinarbeit freigelegt, analysiert und alles wissenswerte aufgeschrieben. Viele tausende Puzzleteile antiker Geschichte sind aufgrund dieser Forschung zusammengesetzt worden. Sie gewähren uns Einblick über ihre damalige Lebensweise, Rituale und Verbindungen unter einander.

Was hat Archäologie mit unserer Seele zu tun?

Die Archäologie der Seele I by T. M. 🌙

Ich finde, dass die Arbeit der Archäologen mit der Arbeit der Psychologen verglichen werden kann. Unsere verborgenen Verletzungen und Schatten, müssen genauso wie die Grabkammern gefunden und freigelegt werden. In der Psychotherapie können wir uns Schicht für Schicht an alte Prägungen herantasten, sie wie eine Grabbeigabe bergen und im besten Fall auflösen. Doch es bedarf viel Geduld, Fleiß und Vertrauen. Man muss oft eine neue Sprache lernen, um die Hyroglyphen alias die eigene Gefühlswelt zu verstehen.

Zunächst müssen die oberen, gröberen Schichten abgetragen werden, bis man den Eingang einer versteckten Grabkammer finden kann. Dieser Prozess kann in der Archäologie und in der Psychotherapie Jahre dauern, wenn man eine so schwere Erkrankung hat wie die Schizophrenie. Jahre voller Sand und Steine und Suchen. Ich hatte zum Beispiel drei Therapien (nacheinander, nicht zu gleichen Zeit) über viele, viele Monate gemacht. Ich kam gefühlt keinen Schritt vorwärts und doch wurden Sandschichten abgetragen. Ich hatte für die Therapiestunde Zeit und Raum für mich selbst. Mein Nervensystem konnte im Gespräch mit den Therapeuten lernen sich selbst besser zu regulieren. Natürlich war ich oft verzweifelt. Meinen Seelenschmerz wollte ich heilen und war manchmal sehr wütend, weil ich das Gefühl hatte auf der Stelle zu stehen. Es war das abtragen der oberen Schichten. Ich war zu Zeiten der Therapie auch in sehr anspruchsvollen Lebenssituationen, z.B. im Studium oder im Job nach dem Studium. Da lässt die Seele zu tiefe Grabungen auch schwer zu.

NOFRETETE – Quelle: Buch „Auf den Spuren versunkener Reiche“ Lingen Verlag (2005)

Wie die Grabstätten später in Felsen und unter der Erde angelegt wurden, um sie vor den Grabräubern zu schützen, so schützt sich auch unsere Seele, wenn wir überwältigende und traumatische Erfahrungen machen. Um überleben zu können, entwickeln wir Schutzmechanismen: es spalten sich seelische Anteile von uns ab und werden verdrängt, damit wir daran nicht zugrunde gehen und der Situation nicht ausgeliefert sind.

Jetzt wo ich stabil im Job und auch Mutter bin und ich fest im Leben stehe, kann die aktuelle Therapie viel tiefer und besser wirken. Es werden erste Schätze gefunden (z. B. Bewältigungsmechanismen), die teilweise mit sehr viel Feingefühl der Psychologin ins Bewusstsein geholt werden können. Das ist ähnlich wie mit dem Fund einer wertvollen goldbeschichteten Pharaomaske aus feinstem Papyrus, die mehrere tausend Jahre alt ist. Sie wird von den Archäologen mit den feinsten Pinseln von Sand und Staub freigestrichen… Der Schatz oder Schatten der Kindheit oder Verhaltensmuster vorheriger Generationen können vorsichtig geborgen werden und wir bekommen einen lang vergessenen Teil unseres Selbsts zurück. Wir können uns wieder besser spüren. Wir sind präsenter, erfüllter und glücklicher. Wir können alte Wunden heilen. Die Archäologie der Seele ist eine Forschungsreise, die viel Fleiß, Geduld und Verteauen bedarf und uns am Ende reich beschenken wird. Sie lohnt sich.

Die Archäologie der Seele II by T. M. 🌙

Noch ein Vergleich. Die Methodik bei der Untersuchung der Mumien hat sich weiterentwickelt und verbessert. Früher wurden die umgewickelten Bandagen aufgeschnitten und entfernt, damit man unter anderem das Geschlecht, das Alter und so weiter der Mumie bestimmen konnte. Heute werden die Mumien nicht mehr entblößt, sondern mit dem CRT schichtweise durchleuchtet und man bekommt auf diesen Weg die gewünschten Informationen. (Manchmal wird sogar ein Schutzamulett gefunden, was dem Verstorbenen auf den Oberkörper gelegt wurde, damit seine Seele beim Übergang in die Totenwelt geschützt wird.) Die Behandlung von Schizophrenie hat sich auch deutlich verbessert. Vor vielen Jahren gab es z. B. in den Kliniken kaum helfende Medikamente mit sehr starken Nebenwirkungen. Viele Erkrankte mussten in den Kliniken bleiben, um betreut zu werden. Ich hörte davon, dass diese Patienten, die eben dauerhaft in der akuten Phase waren (chronisch) am Tag Knöpfe und Kastanien auseinander sortierten. Am Abend wurden sie wieder vermischt, damit die Erkrankten sie am nächsten Tag wieder sortieren konnten. Das muss eine schlimme Zeit für die Betroffenen gewesen sein. Die Forschung hat glücklicherweise viele gut wirkende Medikamente entwickelt. Damit ist es möglich die akute Phase zu überwinden und ein (fast) normales Leben zu führen. Das oben genannte Amulett kann als Symbol dafür stehen, dass durch traumatische Erfahrung sehr viel Lebenskraft in uns gespeichert ist, was uns einen mitfühlenderen Blick auf uns selbst ermöglicht. Ein zweites Beispiel: Während man früher dachte, dass eine Psychotherapie nicht hilft, weiß man heute, dass eine Verhaltenstherapie sehr gut unterstützt und die Betroffenen stabilisiert. Betroffene können im Gespräch ihre Gedanken sortieren und lernen auch wie sie ihr Nervensystem besser regulieren können. Ich bin sehr froh, dass ich heute aufgrund dieser zwei Errungenschaften vor dem Hintergrund meiner Lebensgeschichte ein gutes Leben führen kann.

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