Was schafft Vertrauen?

Vertrauen. Es gibt Menschen, die Dir helfen.

Ich habe schon drei Therapien durchlaufen. Heute möchte ich über die vierte Therapie schreiben, weil sie gerade aktuell ist und weil sie sich von den anderen im positiven Sinne unterscheidet.

Eine Grundvoraussetzung für eine gelungene Therapie ist das Vertrauen. Nur wenn ich der Psychologin (in meinem Fall) vertraue, kann ich mich öffnen. Vor allem bei Menschen mit einer Schizophrenie im Rucksack liegt eine große Verletzbarkeit (Vulnerabilität) vor. Damit geht ein hohes Maß an Angst, Unsicherheit und Misstrauen einher. Denn man hat in der akuten Phase Dinge wahrgenommen, die andere Menschen nicht wahrnehmen. In meiner aktuellen Therapie habe ich viele gute Erfahrungen machen dürfen, die es mir erleichtert haben, mich auf die Psychologin einzulassen. Davon möchte ich heute erzählen.

1. Atemübung. Anfänglich war ich sehr unsicher. Ich scannte jedes Mal unbewusst den Therapieraum auf mögliche Gefahren ab. Das hat nach ca. 6 Monaten nachgelassen. Nachdem ich Platz genommen hatte, führten wir jede Woche eine Atemübung über wenige Minuten durch. Die Psychologin leitete die Atemübung immer wieder mit neuen Worten an. Mein Kopf war jeweils neu herausgefordert, so dass meine Gedanken nicht abschweifen konnten. Diese feste Anfangsroutine zeigte mir Verlässlichkeit. Es hat mir sehr geholfen in dem Raum anzukommen, meinen Körper mit frischem Sauerstoff zu versorgen und mich selbst besser zu spüren. Ein großer Benefit aus meiner Sicht.

2. Anamnesefragebogen. Was mir aber in ganz besonderem Maße immer wieder das Herz geöffnet und den Fokus zurück in das Gespräch geholt hat war das Zitieren von Inhalten aus meinem Anamnesefragebogen oder aus einem Bericht zum Clearingverfahren. Dadurch fühlte ich mich von der Psychologin sehr gesehen, verstanden und abgeholt. Sie machte sich die Mühe und las (mehrmals), was ich einmal aufgeschrieben hatte. Ich begegnete mir demnach selbst. Das war sehr heilsam, vor allem wenn ich mich sehr „verloren“ fühlte. Beispielsweise sagte die Psychologin Sätze wie: „Dadurch dass Ihr Vater narzistisch war, haben Sie auch Beziehungen zu Männern geführt, die narzistische Strukturen aufweisen, denn es kommt Ihnen bekannt vor.“ Auch der Satzanfang: „Vor dem Hintergrund Ihrer Lebensgeschichte… ist es verständlich, dass Sie Angst haben. …ist verständlich, dass Ihnen das schwerfällt. …ist es eine große Leistung, was Sie alles geschafft haben.“

3. Psychoedukation am Flipchart. Psychoedukation finde ich in einer Therapie sehr wichtig. Mir wurde immer wieder Wissen vermittelt (z. B. die Funktionsweise der Amygdala unter Stress) und Zusammenhänge erklärt (z. B. zwischen Gedanken und Verhalten, über Gefühle, über die Krankheit). So konnte ich mich selbst besser kennenlernen, mich verstehen und annehmen wie ich bin. Dadurch nahmen dann Selbstverurteilungen sowie Scham- und Schuldgefühle ab… Oft wurden wichtige Punkte auf dem Flipchart notiert, um es besser zu veranschaulichen. Das hat mir geholfen den Ausführungen der Psychologin leichter folgen zu können. In den darauffolgenden Stunden wurde jedes Mal das große Flipchartpapier wieder aufgeschlagen. Ich konnte mich schnell wiederfinden und sehen, woran wir gearbeitetet hatten. Es holte mich schnell wieder ab und ich konnte den Fokus besser halten. Es löste ein Gefühl von Sicherheit aus. Es war etwas Vertrautes, was wir zusammen erarbeitet hatten.

5. Mitgebrachtes. Kleine Präsente, z.B. eine Figur oder ein Bild, welche ich der Psychologin mitgebracht hatte, wurden von ihr aufgehangen/ aufgestellt. Wenn ich manchmal in einem Gespräch abgedriftet war, hat mich ein Blick auf das Bild wieder zurück geholt.

6. Bunte Stühle – Anteilearbeit. Genau wie die Herangehensweise mit dem Flipchart ist auch die Arbeit mit verschieden farbigen Stühlen in der Therapie neu für mich gewesen. Um einzelne Persönlichkeitsanteile anschaulicher darzustellen wurden für jeden Anteil ein andersfarbiger Stuhl aufgestellt: gelb, orange und blau. Ich sollte mich dann auf den jeweiligen Stuhl setzen und aussprechen, was dieser Teil denkt und fühlt, die sogenannte Ego-state-therapy. Anteile können beispielsweise „das innere Kind“, „der innere Kritiker“, „der souveräne Erwachsene“ sein. Man schaut sich die Stühle auch noch einmal von Außen an. Es war anfangs schwer mich darauf einzulassen, aber ich konnte es immer wieder üben, so dass es jetzt immer besser klappt.

Neues Wissen und neue Erfahrungen verankern.

Diesen Beitrag widme ich meiner Psychologin. Vielleicht kann sie mit dieser Rückmeldung anderen an Schizophrenie erkrankten Menschen noch besser dabei helfen stabil zu werden, indem diese ihr schneller das Vertrauen schenken können. Vertrauen verbessert den Erfolg der Therapie enorm und es ist jedem Klienten zu wünschen.

Das Vertrauen und ein Gefühl von Sicherheit entsteht erst über eine längere Zeit des Kennenlernens. Die Begrenzung der zeitlichen Therapieeinheit empfinde ich als herausfordernd. Das ist die Schattenseite. Ehe man langsam „warm geworden“ ist beim Sprechen, neigen sich die 50 Minuten schon wieder dem Ende entgegen. Mein Rucksack ist wirklich prall gefüllt mit traumatischen Erfahrungen. Die Sehnsucht ist groß möglichst schnell aus dem Seelenleiden herauszuheilen. So war ich oft schnell frustriert. Doch wenn ich mir überlege wie lange ich mit diesem Gepäck schon auf der Erde wandle, ist es wohl ziemlich ungerecht zu erwarten, dass sich das Leiden in kurzer Zeit in Luft auflöst. So sehr ich mir das auch wünschte… Es ist aber auch gut für die Seele, wenn sie nicht allzu lange am Stück mit der Vergangenheit und der Arbeit daran konfrontiert ist. Die Seele braucht auch Pausen und Zeit für schöne Momente und Freude.

Zusatz I Fotos. Was mir während einer Kur einmal sehr gut gefallen hat, war der Einstieg einer Therapeutin in ein Gruppengespräch mit groß gedruckten Fotos von verschiedenen Motiven, z.B. Tiere, Heißluftballon, Menschen… Jede:r sollte sich 2 bis 3 Fotos heraussuchen und den Grund für die Wahl nennen. Das hatte mich auch sehr auf der emotionalen Ebene angesprochen. Ich hatte Zugang zu meiner Gefühlswelt, was ich als sehr angenehm und beruhigend empfand. Schnell fühlte ich mich sicher, weil ich gut „bei mir“ sein konnte. Verstand und Emotionen konnten hier gut ineinandergreifen, also Worte und Bilder.

Zusatz II Musik. Auch Musik ist ein Tor in die Gefühlswelt. Ich denke, wenn wir unsere Gefühle wahrnehmen, dann können wir heilen und alte Verletzungen auflösen. Manchmal bringe ich ein Lied mit in die Therapie und wir hören es uns zusammen an. Ich finde wieder mehr zu mir und kann mich besser entspannen. Eine Erfahrung mit kraftvoller klassischer Musik in der Klinik während der Musiktherapie hat mir wieder den Weg zurück ins Leben geebnet, als ich dort an einem Tiefpunkt war. Auch im Geräteturnen spielte für mich bei der Bodenkür die Musik eine große Rolle. Sobald meine Lied gespielt wurde, tauchte mein Körper sanft in den Rhythmus ein. Melodie und Rhythmus können uns eine gewisse Orientierung geben, wenn unser Gefühlsleben durcheinander ist. Musik kann uns beflügeln, erheben, beglücken und unseren Schmerz heilen.

Naturmusik: eine Sinfonie aus Licht und Schatten; aus Wasser, Luft und Erde; aus Wachsen, Verblühen und Aufkeimen. Eine Melodie des Wasserplätscherns und Blätterraschelns.

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